Liebesbrief an Lissabon

Von den Orten wissen wir, dass wir uns für eine gewisse Zeit in dem Raum, den sie ausmachen, mit ihnen vereinen. Der Ort war schon da, der Mensch kam hinzu, dann ging der Mensch, der Ort blieb, der Ort hatte den Menschen geformt, der Mensch hatte den Ort verändert.“

José Saramago aus “Worte an eine Stadt”

Auf den Stufen am Praça do Comercio sitzend lausche ich der Geräuschkulisse aus Fado-Klängen, fröhlich und entspannt quatschenden Touristen aller Herren Länder und der Brandung, die weiter unten stetig gegen die alte Steinplattform prallt. Immer näher kommt das Wasser zwischen den zwei Steinstehlen und schwappt jedes Mal ein bisschen mehr über, während auf dem Tejo langsam Segelboote vorbeiziehen. Wurde von hier aus die Welt entdeckt? Auf den Stufen mit Blick auf die Bucht sitzend denke ich über die Vergangenheit nach und darüber, dass man sagt, die Zeit verändere alles, dabei sind es doch die Menschen, die alles verändern. Verrückt, die Vorstellung, dass es Zeiten gab in denen mutige Entdecker von hier ausgezogen sind die Welt zu entdecken. Zeiten in denen man schlicht nicht wusste, dass es andere Kontinente gibt oder, dass die Erde eine Kugel ist. Und jetzt wird dieser Platz von tausenden Touristen aus aller Welt bevölkert. Steht dies nicht in direktem Zusammenhang?

Plötzlich rennen zwei kleine, asiatische Mädchen auf die Straße, die den Prado vom Tejo Ufer trennt und ihre Mutter ruft etwas auf Chinesisch, aber ich, in meinem Schreck, rufe ohne Nachzudenken deutsch “Halt” und die Mädchen bleiben auf dem Bordstein stehen. Verwundert denke ich mir, dass Kinder eine Warnung anhand der Betonung des Ausrufs erkennen, selbst wenn sie die Sprache nicht verstehen. Dann wird klar, dass die Kinder Deutsch sprechen. Auch das ist irgendwie eine Konsequenz der Entdeckungen der Portugiesen vor vielen hundert Jahren: Die Vermischung aller Völker dieser Welt, das Ende von Stereotypen. Natürlich haben die Portugiesen auch nur Länder entdeckt, die die Chinesen bereits kannten, aber in Europa kannte diese Orte eben noch niemand. Kein Wunder, dass diese Männer auch heute noch so stolz und selbstbewusst sind, einem ausdauernd hinterher pfeifen oder rufen als wollten sie sagen: “Hier bin ich, und wenn du mich nicht willst, dann entdecke ich eben noch einen Kontinent”.

Um die Fado-Musiker in ufernähe hat sich eine Gruppe aus Touristen und Einheimischen gebildet und eine wunderschöne Portugiesin tanzt barfuß aufreizend und völlig frei vor den Musikern. Alle schauen wie gebannt auf diese Frau und mir brennt sich dieses Bild in die Erinnerung – so frei möchte ich sein, denke ich. So möchte ich mich fühlen. Noch mehr bewundere ich allerdings die etwas ältere und etwas dickere Frau im rosa Oberteil die sich “auf die Bühne” traut, nachdem die Schönheit sich auf dem Fußboden niedergelassen hat als wäre sie nicht für die letzten 10 Minuten die Attraktion gewesen. Die „Clowntinos“, wie die Musiker heißen, sehen aus als wären sie in ihren früheren Leben Piraten gewesen oder eben Seefahrer und jetzt treiben sie durch die unruhigen Gewässer eines Künstlerlebens. Die Leute singen lauthals die anscheinend bekannten portugiesischen Lieder mit und die Stimmung ist ausgelassen und tiefenentspannt. Es zeigt mir, dass die Lissaboner sich diesen Ort nicht von den Touristen wegnehmen lassen.

Irgendwie schaffe ich es mich los zu reißen – ich habe das dringende Bedürfnis die Stadt zu erkunden. Und so steige ich auf den Torbogen am Beginn der Rua Augusta, wo perfekte Ruhe herrscht und man einen tollen Blick über die Stadt und den Tejo hat. Nur vereinzelt hört man das von Handys nachgemachte Geräusch des Fotoauslösers und leises Flüstern angesichts des ehrfürchtigen schönen Blickes über diese alte Stadt.

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Die Rua Augusta zieht sich schnurgerade zum Rossio und leise Musikklänge dringen bis hoch auf den Arco de Rua Augusta und durch den Torbogen selbst. Magisch zieht mich diese Straße an und so steige ich den Torbogen hinunter und stürzte mich wieder ins Getümmel. Auf jedem Meter dieser Fußgängerzone prallen unendlich viele Eindrücke auf mich ein, so viele, es ist kaum zu bewältigen. Es gibt die üblichen Touristenattraktionen, wie in Bronze angemalte Schauspieler, die hier Vasco do Gama imitieren und alle paar Meter führt ein anderer Straßenkünstler etwas auf. Ein Mann spielt mit zwei Sägen Geige (!) und schon wenig später spielt eine portugiesische Studentenband. Eine der Studentinnen erklärt, es sei eine alte portugiesische Tradition Studentenbands zu gründen – so verdienen die Studenten sich etwas zusätzliches Geld. Es sind etwa 25 Männer und Frauen, mit vielen Gitarren, einem Kontrabass, einer Querflöte, Trommeln, einer Ukulele und traditionellen portugiesischen Instrumenten (vermute ich), die ich nicht kenne. Dazu tanzen alle einen traditionellen portugiesischen Tanz – eine Mischung aus Stepptanz, Fahnenwehen und russischem Hinhocktanz. Die Studenten lächeln dabei, es scheint Ihnen Spaß zu machen. Der Gesang und die vielen Instrumente ergeben zusammen eine eindrückliche Musik, ungewöhnlich und fröhlich, ohne euphorisch zu sein. Ein bisschen erinnert mich das alles an etwas, dass ich einmal zufällig in Italien beobachtet habe: Bei einer Art Dorfparade wurde auch getanzt und mit dem Dorfwappen geweht. Ich frage mich wie sehr es unserer Gesellschaft schadet, dass wir diese Traditionen nicht pflegen – mal abgesehen vom Karneval – da alles unschicklich mit den Nazis verknüpft ist. Oder hatten wir solche Traditionen nie?

Beschwingt und gleichzeitig nachdenklich schlendere ich weiter die Rua Augusta entlang und lande schließlich auf dem Rossio, wo ein Obdachloser auf dem Sockel der Statue schläft, ungestört von unzähligen Passanten, die achtlos an ihm vorbei gehen. Das scheint heutzutage irgendwie zu unserer Welt zu gehören. Auch ich verschnaufe hier. Lissabon ist so viel, etliche Hügel, schmale, verwinkelte Gassen im Alfalma, breite Straßen im Chiado. Die vor Lebensfreude übersprühenden blauen Kacheln an den Häusern, die Erobererdenkmäler, Burgen, Kathedralen, die prachtvollen Bauten, manche renovierungsbedürftig, all das ist Lissabon. Stolz und schön ist sie, wie ihre Bewohner, voller Geschichte, Erlebnisse und Entdeckungen. Mir scheint die Stadt aber nicht nur aus Steinen und Bäumen und Menschen zu bestehen, sondern vor allem aus Musik und Gefühl. Dem Gefühl zum Beispiel, sich Freitagsabends durchs Bairro Alto treiben zu lassen, wo der Likör in Strömen fließt, und dort Fado und Salsa zu tanzen. Oder dem Gefühl am Torre de Belém in der Sonne zu sitzen.

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An meinem zweiten Tag mache ich eine Stadtführung mit der berühmten Tram 28 mit einer Einheimischen. Vieles ist komplett neu für mich. Ich hatte ja keine Ahnung, dass die Venezianer und später die Römer schon das Gebiet von Lissabon besiedelt hatten und später auch die Mauren und die Osmanen Lissabon beherrschten. Die Kathedrale von Lissabon mit ihren Schießscharten ist ein Zeuge der wechselnden Herrscher und herrschenden Religionen in Lissabon. Aber auch die Menschen sind es – man sieht, dass hier Menschen der entlegensten Orte der Welt jahrhundertelang “durchgemischt” wurden. Vielleicht macht das die Schönheit der Portugiesen aus?

Ein zentrales historisches Ereignis der Stadt ist ein Erdbeben der Skala 9,2 infolgedessen Lissabon 1755 für sechs Tage brannte und etwa 30.000 Menschen starben – ein Fünftel der damaligen Bevölkerung. Der Marquis de Pombal, der Stadtverwalter, ließ die Innenstadt unter teilweiser Verwendung der alten Steine neu aufbauen und prägte den Satz: “Let’s bury the dead and then take care of the living.” Zugleich soll diese Katastrophe laut der Reiseleiterin den Beginn des europäischen Gefühls markieren, denn Voltaire schrieb: “Why does Lisbon lie in ruins, while in Paris they dance?”. Auch die Seismologie findet angeblich hier ihren Ursprung und der Marquis de Pombal wird als Vater ihrer bezeichnet. Auch lies er – seiner Zeit weit voraus – erdbebensichere Häuser mit Brandschutz bauen. Und das alles auf unsicherem Grund: Die Lissaboner Innenstadt ruht wie Venedig auf Stehlen im Wasser.

Heute brummt die Stadt vor Touristen, seit 2015 sind es etwa 12 Millionen im Jahr. Die Stadt ist viel zu klein für solche Menschenmassen, das erzeugt auch viele Probleme. Die Mieten werden teurer, die Gassen sind überfüllt und die öffentlichen Verkehrsmittel sind nicht für so viele Personen ausgelegt (insbesondere nicht die berühmte Tram 28). Besonders im Stadtteil Alfalma, einer der Touristenattraktionen überhaupt mit seinen Hängen und verwinkelten Gässchen, entlädt sich die Wut der Stadt in Form von Grafittis an den Wänden: „Mass tourism is human pollution“, liest man da. Gleichzeitig ist aber plötzlich das Geld da, um dringend notwendige Renovierungen an den wunderschönen alten Palästen durchzuführen. Lissabon ist im Umbruch, mal wieder. Aber Umbruch ist Bewegung und Bewegung ist Gefühl und dieses Gefühl ist – wie alle anderen Gefühle auch – Lissabon.

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Tipp:

Wer Interesse daran hat, die Ausgrabungsstätte einer römischen Garum-Fabrik zu besichten, geführt von den Archäologen selbst, der melde sich in der Rua Augusta 93 zu einer kostenlosen Führung an.

Glutenfrei in Lissabon:

Wahnsinnig gute, vegane und glutenfreie Burger gibt es im Café do Rio in der Rua da Alfandega in der Nähe des Praça do Comercio.

Und auch auf das typisch portugiesische Gebäck muss man nicht verzichten, in der Rua Bernardino Costa gibt es glutenfreies Gebäck in der Pastelaria Zarzuela.

 

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