Dali, Yunnan – Chinesische Flora und Fauna

IMG_20180402_182157_291.Cubic.jpg(Das ist die Fortsetzung der Reise durch Yunnan. Den ersten Teil findet ihr hier.)

Im Zug nach Dali herrscht betretenes Schweigen. Wir alle sitzen auf den unteren Betten. Offensichtlich darf man sich oben nicht hinlegen, eine Chinesin, die im mittleren Bett geschlafen hatte wurde von einem Schaffner ruppig aufgefordert, sich hinzusetzen. Eine Frau kommt mehrmals mit Süßigkeiten rum, aber niemand nimmt etwas. Alle starren auf ihre Handys oder schlafen in allen unmöglichen Positionen, in denen eben nur Chinesen schlafen können. Irgendwie eine komische Stimmung.

In Dali angekommen suchen wir erstmal das Five Elements Hostel auf, ein Klassiker hier. Es ist retro-boheme-chic und ein bisschen abgefuckt. Irgendwie süß. Der Besitzer ist wahnsinnig nett, aber außer uns ist kaum jemand da. Dali ist die weniger touristische Variante zu Lijiang. Es ist auch weniger hergerichtet und weniger ästhetisch vollkommen, ich vermute, weil hier nicht die ganze Altstadt am Stück wieder aufgebaut wurde. Anders als in Lijiang wohnen hier tatsächlich auch noch Leute. Dafür gibt es hier viele coole Cafes und Bars in Steinhäusern mit schönen, geschwungenen Dächern und weil die Gassen nicht so eng sind, fühlt man sich nicht so bedrängt wie in einem Themenpark. Wir schlendern einmal die Hauptachse entlang – die Fuxing Road – die vom Westtor zum Osttor führt. Wir schlendern an den kleinen Läden und Essenständen vorbei, und probieren hier und da chinesische Snacks, wie frittierten Käse.

Freitags dann übermannt uns die Wanderlust und wir nehmen eine Gondel den Berg Cangshan hoch. Völlig übermütig folgen wir einem Weg entlang eines Flusses und wuchern uns durch Gestrüpp und auf halb eingestürzten Treppen den Berg hoch. Irgendwann gibt es keinen erkennbaren Weg mehr und wir klettern einfach das ausgetrocknete Flussbett hoch, dabei folgen wir offensichtlich von Menschenhand aufgetürmten kleinen Steinhäufchen, wie ich es damals schon in Tibet mit meiner Mutter getan habe. Ich hätte es eigentlich besser wissen sollen. Spätestens bei dem Schild, das sagte, dass dies kein Wanderweg mehr sei, wäre es vielleicht gut gewesen umzudrehen. Aber wir fühlen uns wie Indiana und IndiJana Jones und klettern stundenlang auf und unter Felsen, über eine Baumstammleiter, vorbei an Müll (ein Zeichen von “Zivilisation”), waten durch Wasserpfützen, rutschen im Schlamm aus und verlieren ein Handy (also ich). Außer Vögeln hören wir nichts (oder sind das Menschen die Vögel imitieren? Auf unser zaghaftes Pfeifen antwortet jedenfalls niemand), dies ist auch die Richtung von Myanmar, wir können nur hoffen uns auf keiner Schmugglerroute zu befinden. Aber unsere Handys sagen, oben auf der Spitze treffen wir auf einen Weg und wir sind abenteuerlustig.

Vier Stunden später sind wir erschöpft, frustriert, hungrig, durstig und dem Bergkamm gefühlt keinen Meter näher. Außerdem verlieren sich die „Spuren“ den wir bisher gefolgt sind, nun endgültig im Nichts. Wir müssen einsehen, dass wir die Bergspitze vor Einbruch der Nacht nicht erreichen werden und kehren um. Wir haben keinen Proviant dabei, weil es in China wegen der ununterbrochen essenden Chinesen eigentlich immer überall was zu essen zu kaufen gibt, nur hier nicht. Also beginnen wir den beschwerlichen Abstieg. Nach Stunden schweißtreibenden Abwärtsgehens, Springens und Rutschens, inklusive einem kurzen Sprints wegen eines gefährlich klingenden Hissens aus dem Wald, kommen wir wieder auf dem Ursprungsweg an und müssen feststellen, dass die Seilbahn mittlerweile geschlossen hat. Da es anfängt zu dämmern und wir eine gute halbe Stunde Seilbahnfahrt von der Stadt entfernt sind, beginnen wir dem Spazierweg entlang des Berges zu folgen. Unterwegs lesen wir immer wieder Schilder, die über die wilden Tiere informieren, die hier im Wald leben: Darunter Bären, Luxe und Geparden. Wundervoll! Von einem Lux aufgefressen zu werden fehlt uns grade noch. Jedenfalls erklärt es aber das seltsame Hissen. Eine dreiviertelstunde später stellen wir fest, dass auch die andere Seilbahnstation schon geschlossen hat. Wie kommen wir nun von diesem Berg runter? Wir sind völlig ausgelaugt und halbverhungert. Mit schmerzenden Füßen und mittlerweile absolut verzweifelt, weil wir fürchten die Nacht auf diesem Berg zwischen Luxen und Bären zubringen zu müssen, „leihen“ wir uns zwei unabgeschlossene Fahrräder aus und fahren solange, bis wir endlich auf einen Weg stoßen, der den Berg runter führt. Dort lassen wir die Räder stehen und folgen einem unwirtlichen Pferdepfad in Richtung – unten.

Leider endet der Pfad auf einem chinesischen Friedhof. Da die Toten hier in überirdischen steinernen Särgen begraben werden und weil es mittlerweile im Wald dämmert, wird es jetzt richtig gruselig. Wir folgen unzähligen Abzweigungen, mal links, mal rechts vom Sarkophag, es wird immer dunkler und dunkler, aber außer, dass die Wege und Trampelpfade enger und immer zugewucherter werden und uns die Gräber immer näher auf die Pelle rücken tut sich nichts. Deutsch wie ich bin, fällt mir trotzdem der viele Müll auf, der hier auch auf den Gräbern, liegt. Auf einem zugemüllten Friedhof eine Nacht verbringen zu müssen, ist ungefähr mein persönlicher Albtraum, aber es scheint einfach keinen Ausweg zu geben. Immer wenn wir denken wir haben den Weg heraus gefunden endet dieser an einer Mauer. Die Chinesen und ihre Liebe zu Mauern! Irgendwann reicht es uns, und als wir an eine Mauer kommen, an der ein dicker Ast gelehnt ist klettern wir kurzerhand über die Mauer. Auf der anderen Seite finden wir uns in einer Art Hotelkomplex wieder. Wir klopfen den Staub und Geistermief ab und tun *tüdelü* so als wär nix gewesen. Wir? Über eine Mauer geklettert? Von einem Friedhof? Ach was! Niemals!

Auch in diesem Hotelkomplex sehen wir keine Menschenseele und langsam wird es wirklich unheimlich. Als sich hinter uns die Nacht auf den Friedhofsberg senkt, suchen wir die nächste Straße und folgen ihr einfach, als es schließlich aus vollen Kübeln anfängt zu gießen. Wir rennen bis zu einem Kiosk – schütten dort literweise Wasser und Sportdrinks in uns rein und warten auf kleinen Holzschemeln hockend wie zwei richtige Chinesen, dass der Platzregen endlich aufhört. Währenddessen stellen wir fest, dass wir uns immer noch kilometerweit vom Hostel entfernt befinden. Wie das überhaupt möglich ist, ist uns unklar, aber jedenfalls können wir keinen Millimeter mehr laufen. Der Kiosk befindet sich um Eingang zu einem Wohnkomplex, es gibt hier weder Bus noch Taxi. Also versuchen wir ein Auto anzuhalten. Anscheinend machen durchnässte, vollgeschwitzte und augenscheinlich kurz-vorm-Zusammenbruch befindliche Ausländer aber keine beliebten Mitfahrer. Schließlich finde ich aber doch jemanden, der uns mit in die Stadt nimmt und uns vor der Altstadt absetzt, wo wir mit schmerzenden Gliedern und den Tränen nahe aussteigen. Na, das war ja mal wieder eine unnötige Expedition.

Nach einem komaartigen Schlaf können uns die Strapazen und der Muskelkater des Vortags trotzdem nicht davon abhalten, eine Radtour um den Er Hai See zu versuchen. Nach den drei Pagoden (in die man leider nicht rein kann),

fahren wir durch ein Dorf, vorbei an schweißtreibenden Feldarbeitern mit spitzen Basthüten. Die Sonne knallt, als wüsste der Himmel hier gar nicht, wie Regen funktioniert. Mitten auf dem Feld, in der sengenden Hitze, sitzen ein paar Bauern und spielen Karten unter einem bunten Sonnenschirm.

Die Idylle ist kaum zu ertragen. Der See ist riesengroß und fühlt sich mehr an wie Meer, obwohl er von wunderschönen hohen Bergen umrandet ist. Aber so richtig fehlt uns die Lust auf die Radtour dann doch, vor allem weil man meist auf der Straße fährt. Also machen wir das, was ein Chinese tun würde: Wir suchen ein Restaurant. Beim Essen lernen wir einen chinesischen Wanderführer aus Guangzhou (Kanton) kennen, der uns erzählt wie Dali angeblich früher mal war: Schöner, authentischer und mit viel Straßenmusik. Das selbe hat uns morgens ein Amerikaner im Hostel erklärt, schon verwunderlich. Er meint auch in Guangzhou würden die alten den ganzen Tag auf der Straße sitzen und darüber reden was sie gekauft haben, in Beijing gäbe es wenigstens noch Kultur und die Leute diskutierten über Politik. Wir nicken nur, unsere Wortschätze reichen nicht mal kombiniert dazu festzustellen, ob jemand über Politik redet.

Ohne die angebliche Hippiestimmung Dalis erlebt zu haben reisen wir am Abend mit dem Zug weiter. Der Zug riecht noch nach Sozialismus, die Luft ist trocken und ein wenig verbraucht. Die verblassten Farben, der Rost und das Quietschen der Waggons zeugen von ärmeren Zeiten Chinas. Zu unserer Freude sind auch die Preise eher „sozialistisch“ (100 Yuan für einen Platz im Schlafwagen). Getreu der Parteilinie herrscht im Zug auch noch Ordnung, das Licht wird sofort aus gemacht, alle haben zu schlafen. Schon um 5:30 Uhr findet die Partei allerdings anscheinend es wär Zeit aufzustehen, jedenfalls geht plötzlich das Licht an und gleichzeitig wird das Radio ohrenbetäubend laut eingeschaltet. Ich aber finde den Schalter und schalte kurzerhand die Radiopropaganda aus – für den ganzen Waggon (hehe). Im Steinwald nahe Kunming angekommen sind wir trotzdem total gerädert. Völlig geistesabwesend trotten wir entlang der Steinformationen, die angeblich Tierfiguren und sowas wie „stone woman who waits for her husband“ zeigen sollen. Wir sehen nur: Steine. Viele davon. In verschiedenen Größen und Farben und Formen. Ich frage mich ob es ein kulturelles Ding ist, dass wir hier nix erkennen, an Fantasie mangelt es mir normalerweise nicht. Oder vielleicht mangelt es uns auch am nötigen geologischen Interesse. Resigniert resümieren wir, dass das die verschwendesten 300 Yuan Eintritt seit Langem sind. Alles kostet hier extra und lustige Steine sah ich keine. Nichtsdestotrotz haben wir in Yunnan eine Menge erlebt – es ist auf jeden Fall eine Reise wert! Nur sollte man vielleicht in Dali auf dem Wanderweg bleiben und statt nach Shilin lieber nach Shangrila fahren.

Hostel: Five Elements Hostel

Die Fotos stammen teilweise von yetanotherwannabeglobetrotter, dessen Instagramprofil ihr hier findet.

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