Dublin – Live more, fear less oder: Von Guinness, Kobolden und bunten Türen

Ist es seltsam, dass ich mich so wohl fühle, in einem Flughafenbus auf dem Weg an einen mir unbekannten Ort? Kann man sich zu Hause fühlen an einem Ort an dem man noch nie war? An einem Ort so unpersönlich wir ein Flughafenbus? Ich schon und für mich ist es der Beweis das „zu Hause“ mehr mit Gefühl zu tun hat als mit Geografie. In den Flughafenbussen dieser Welt bin ich das kleine Mädchen, dass ich früher war, bereit für die Welt, voller Vorfreude auf das was kommt, voller Neugier auf all das Unbekannte. Während ich darüber nachdenke fahre ich nach Dublin rein und es sieht schon jetzt, nach nur fünf Minuten, völlig anders aus als ich es mir immer vorgestellt habe. Und deshalb liebe ich diese Busfahrten, auf denen andere müde und mürrisch aus dem Fenster schauen. Für dieses Gefühl reise ich. Ich reise immer um zu mir zurück zu finden und irgendwie bin ich eben nur an neuen, unbekannten Orten zu finden, wie ein Fabelwesen das nur auftaucht, wenn man auch daran glaubt.

Ich habe mir diesmal ein Zimmer in einer süßen kleinen Pension gebucht. Es ist ein niedliches Townhouse aus rot-weißen Steinen, mit Stuck an der Decke und einem kunstvoll verzierten Kamin im „Salon“, der jetzt das Frühstückszimmer ist. Ich wünschte es wären auch einige Gleichaltrige hier untergekommen – ich senke den Altersdurchschnitt um mindestens 30 Jahre. Aber die Zimmer sind gemütlich und die Lage ist perfekt – 5 Minuten mit dem Bus in die Innenstadt und 5 Minuten zur S-Bahn-Station mit der ich für einen Ausflug ans Meer machen kann.

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Als ich dann endlich mal dazu komme, mich zu informieren, was ich in und um Dublin so alles anschauen kann bin ich überwältigt. Nie im Leben werde ich die Stadt auch nur ansatzweise in vier Tagen angesehen haben. Diese Stadt ist so vollgestopft mit Geschichte, Kultur und Pubs das man sich wundert, wo die vielen Menschen Platz haben.

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Es gibt etliche Museen, einschließlich einem Koboldmuseum, einige sehr gut erhaltene Moorleichen, manche davon hunderte Jahre alt, und ein über 1000 Jahre altes Buch „The Faddon More Psalter“ in der altehrwürdigen Universitätsbibliothek des Trinidad Colleges, die aussieht wie aus einem Harry Potter-Film. Im Phoenix Park, dem größten umzäunten Park Europas, brennen einige der letzten Originalgaslampen des Kontinents und der Park ist so groß, dass die Wildtiere genügend Platz haben sich vor den vielen Touristen gut zu verstecken. Dazwischen reiht sich eine der gregorianischen, roten Backsteinvillen mit bunt lackierter Haustüre an die nächste.

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Im Museum of Natural History lerne ich, dass die Kelten in ihre Hörner bliesen, als die Römer das Festland betreten haben und denen damit wohl einen ordentlichen Schreck eingejagt haben. Auch beeindruckend alte und schöne Waffen sind dort ausgestellt und erstaunlich prunkvolle Goldketten der Keltinnen von 800 v. Chr. Solche und andere Schätze sind gut erhalten, da sie früher zur Ehren der Naturgeister in Seen und Mooren versenkt wurden und so teilweise gut präserviert wurden. Und dann gibt es die vielen Attraktionen mit Alkohol – die Guinnessbrauerei, die Jamesondistillerie und etliche andere Tempel des Hochprozentigen. Die Distanzen zwischen den Sehenswürdigkeiten kann man mit dem lustigsten HopOn-HopOff-Bus der Welt zurücklegen. Die Fahrer reißen so viele Witze, dass man kaum aussteigen möchte und erzählen einem die Urban Legends Dublins.

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Und zu jeder Sehenswürdigkeit gibt es eine: Die Lampen im Phoenixpark brennen angeblich um Fremde willkommenzuheißen – das gilt auch für die Straßenlaternen im ganzen Land. Der Zoo hat den Ruf gut im Löwenzüchten zu sein – angeblich bekommen die Löwen ab und zu ein wenig Guiness. Guiness ist, so erzählt man sich, auch der Grund, dass der MGM Löwe – der aus dem Filmvorspann – so schön brüllt, denn dieser Löwe stammt aus dem Dubliner Zoo. Die Türen sind angeblich verschiedenfarbig gestrichen, damit die betrunkenen Ehemänner des Nachts den richtigen Eingang fanden. Und überhaupt stecke in jeder Flasche Jameson ein Baby – das ist sicher die akkurateste Sage. Und was keine eigene Geschichte hat, das hat mindestens einen Spitznamen.

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So heißt das eigentlich „Millenium Spine“ getaufte Denkmal im Volksmund wahlweise „Stiffy near the liffy“, „Erection near the intersection“ oder „Pole in the hole“. Bei allen Sehenswürdigkeiten spielt auch stets der irische Freiheitskampf eine große Rolle, daher besichtige ich auch das Gefängnis Kilmainham Gaol, in dem mehrere Freiheitskämpfer hingerichtet wurden. Im dazugehörigen Freiheitsmuseum ist der letzte Brief des hingerichteten James Fisher ausgestellt, der seiner Mutter herzzerreißend schreibt, dass er sie gern noch ein letztes Mal sehen würde.

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Die Kirche in der Jonathan Swift Pfarrer war – ein Gottesdienst hier ist zu empfehlen!

Nach der schwermütigen Stimmung im Gefängnis suche ich zur Aufheiterung die Guinness-Brauerei auf, von deren Dachterrasse man einen tollen Blick über die Stadt hat. Kurz darauf trete ich leicht beschwipst in den dämmernden Sonntagabend hinaus. Da kein Bus mehr fährt beschließe ich ein Taxi zu nehmen. Als ich aber an einer Pferdekutsche vorbei komme fragt mich der junge Kutscher, wo hin ich möchte und ob ich nicht oben auf dem Kutschbock mitfahren will. Hinten in der Kutsche sitzen bereits zwei Mädels und ich denke mir – warum nicht?

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Blick über Dublin von der Guiness Brauerei

Unvermittelt finde ich mich neben dem Jungen wieder, der bestimmt und gekonnt den Schimmel durch Dublins dunkel werdende Straßen führt und mich mit seinem schweren irischen Akzent ausfragt, was ich in Dublin tue. Nachdem ich erklärt habe, dass ich Dublin alleine besuche, fragt er schließlich mit unverhohlenem Interesse: “Don’t have a boyfriend, do ya?”. Und er kommentiert mein “nein” mit zufriedenem Brummen. Ich frage ihn, wie alt er ist, denn er sieht aus als würde er noch zur Schule gehen und er sagt “16”. Dass ich doppelt so alt bin wie er stört ihn – im Gegenteil zu mir – nicht, er macht mir weiter charmante Komplimente. Aber vielleicht gehört das auch zum Service, denn als ich im Partydistrict Temple Bar aussteige stelle ich fest, dass dieser unschuldig aussehende Charmebolzen bereits alle Touriabzockertricks beherrscht: Den Amerikanerinnen in der Kutsche hat er je 25 Euro für die Fahrt abgenommen, für die ich 10 bezahlt habe und Wechselgeld hat er angeblich auch nicht.

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Temple Bar Distric

Als ich mich von der Kutsche runter gekämpft habe, hechte ich den Mädels hinterher und wir gehen zusammen essen. Aus einem interessanten Abendessen wird ein richtig lustiger Abend als wir in einer Bar mit irischer Livemusik noch zwei weitere Mädels kennenlernen, eine aus Litauen und eine Philippinen, die schon seit zehn Jahren in Irland lebt. Irgendwie sind hier Leute aus aller Herren Länder, nur Iren habe ich noch keine kennengelernt – trotz der vielen rothaarigen Frauen und orangebärtigen Männer, die ich gesehen habe. Wir versuchen uns im Stepptanz und schwingen im wahrsten Sinne des Wortes hüpfend und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen das Tanzbein. Ausgelassen tanzen wir so den ganzen Abend bis in die Nacht. Ich hatte erwartet dass der Abend irgend wann vorbei ist, aber dass es Sonntagabend ist, scheint hier niemanden zu stören. Der Guinness fließt weiter in Strömen und immer schneller fiedelt der Geiger, ganz nach dem Motto von Jameson „Sin metu“ – „Live more, fear less“.

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Howth Cliff Walk

Wem das Getummel in Temple Bar zuviel wird, der kann an schönen Tagen einen Ausflug an die Küste machen. Auf Ratschlag meines Gastgebers in der Pension, nehme ich die Bahn nach Howth und spaziere dort nur zwanzig Minuten später an der Küste entlang. Hier ist Irland genau so, wie ich es mir vorgestellt habe – zerklüfftete Steilküsten, grüne Wiesen, blumige Hänge. Die Wiesen sind so grün, dass es fast unwirklich scheint und es wird klar, warum Irland als „grüne Insel“ bezeichnet wird. Oh, wie schön es wäre ein Häuschen in Howth zu haben! Perfekte Natur, oben auf einer Klippe und in zwanzig Minuten ist man in einer Metropole! Ein Traum, den viele andere auch zu haben scheinen – die Häuserpreise sind unfassbar. Da hilft nur immer wieder die irischen Küsten besuchen und soviel wie möglich der Schönheit einatmen – bis zum nächsten Besuch auf dieser schönen Insel!

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