Pnohm Penh – Im Angesicht des Grauens

Kambodscha stand schon so lange auf meiner Bucketlist, wie ich denken kann. Ich wollte Angkor Wat sehen und sonst wusste ich ehrlich gesagt gar nicht, was mich so alles erwartet. Im Nachhinein wären wir gern länger geblieben. Es gibt so viel zu sehen in diesem schönen Land! Hier findet ihr meine Tipps für Angkor Wat!

Nach einem etwa 20- stündigen Flug über Bangkok finde ich mich in Phnom Penh in einem Tuktuk zum Hostel wieder. Auf den ersten Blick erinnert mich alles an Hanoi. Ansonsten: Viel Verkehr, es ist laut und heiß, und die Tuktukfahrer nerven. Asien halt. Am nächsten Tag schauen wir uns das kambodschanische Nationalmuseum und Wat Pnohm an, außerdem den Kaiserpalast. Alles ganz nett, aber ich wär auch nicht traurig, wenn ich gestorben wäre, ohne die besichtigt zu haben. Insgesamt ist es sehr anstrengend, weil wir viel durch die Hitze laufen und ich schon wieder Millionen Mückenstiche habe, ohne eine einzige Mücke gesehen zu haben.

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Tag zwei ist dann der Tag des Grauens, von dem ich hier eigentlich berichten möchte. Wir haben uns die Killing Fields und das Tuol Sleng Gefängnis vorgenommen. Ich war zwar eigentlich dafür, nicht beides an einem Tag zu machen, zwecks emotionaler Verarbeitung, aber wegen eines Missverständnisses kam es dann doch so. Und so geht es in der Morgenfrische zu einem der bekanntesten Killing Fields Phnom Penhs.

Der Tuktukfahrer setzt uns nach einer gefühlten Ewigkeit vor einem Tor ab, dahinter ist nur Wiese. Das Wetter ist schön und milde, die Sonne scheint, Vögel zwitschern in den Bäumen. Die Wiesen strahlen grün und alles sieht unglaublich friedlich aus. Ich hatte irgendwie ein schlammiges Feld erwartet, nicht kambodschanische Idylle. Es könnte schön sein, wäre da nicht das Bewusstsein, dass sich hier furchtbare Dinge zugetragen haben. Beim Reingehen ermahnt ein Schild, dass dies die letzte Ruhestätte ungezählter Kambodschaner ist und man sich ruhig verhalten solle. Erstaunlicherweise beachten das hier alle Touristen. Das habe ich noch nie erlebt, irgendwer war sonst immer laut (im Taj Mahal zum Beispiel, der ja ein Mausoleum ist). Aber nicht hier, alle schleichen auf leisen Zehen allerhöchstens flüsternd über das Gelände. Wir werden die nächsten zwei Stunden auch nicht viel sprechen.

In Kambodscha gibt es etwa 300 sogenannte “killing fields”. Auf diesen Feldern wurden Gefangene oder vermeintliche Widersacher des langen Jahre Kambodscha anführenden, paranoiden Parteioberhauptes Pol Pot aufs Brutalste ermordet. Es sind im Prinzip Massengräber. Cheung Ek, das “Feld” das wir besuchen in der Nähe von Pnom Penh ist das Bekannteste, weil es eins der ersten war, was die Vietnamesen bei ihrer Befreiung Pnom Penhs im Jahre 1979 vorfanden. Damals, so berichtet der Audio Guide, war der Boden von Knochen übersäht und die Erde beulte sich wie in Pestbeulen auf, aufgrund der Menge an verwesenden Leichen. Deshalb sollen Besucher auch nur auf den befestigen Wegen gehen, denn immer wieder, immer noch, seit nunmehr fast 40 Jahren, kommen menschliche Knochen zum Vorschein. Manche Stellen sind umzäunt, da kann man das sehen.

Es sind über 25 grad, aber mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Auf Schildern wird ganz genau beschrieben, wie vorgegangen wurde. Häftlinge des Tuol Sleng Gefängnisses wurden beispielsweise nachdem sie unter Folter endlich ihr „Geständnis“ abgeben hatten, auf Lastwagen zusammen gepferscht, im Dunkeln zu einem der Felder gefahren, bekamen Augenbinden und wurden dann in der ersten Zeit erschossen. Später befand Pol Pot, die Munition sei zu schade für die „Verräter“, daher wurden die Opfer unter anderem mit Gartengeräten brutal erschlagen. Die Gartengeräte sind ausgestellt. Da Pol Pot der Meinung war „Um das Unkraut zu jäten, müssen die Wurzeln ausgerissen werden“ wurden hier ganze Familien hingerichtet, auch massenweise kleine Kinder. Es ist war ein beispielloser Völkermord.

Während die Opfer erschlagen wurden, liefen auf Lautsprechern brüllend laute Revolutionslieder, die die Geräusche übertönten und den Nachbarn suggerieren sollten, dass hier eine Regimeparty stattfindet. Die Felder waren in Neonlicht getaucht, mehrere Strahler erhellten das Gebiet, damit keiner in der Dunkelheit davon kommen konnte und die Täter sehen konnten was sie taten. Getötet wurde immer nur bei Nacht. Ich halte unbewusst die Luft an. Es ist alles viel zu schrecklich. Hunderttausende sind auf solchen Feldern in Kambodscha gestorben. Insgesamt sind in Pol Pots Regime schätzungsweise zwischen 750.000 und 2 Millionen Kambodschaner getötet wurden, mindestens ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Kambodschas! Der Rundgang führt um mehrere Gruben herum, auf Bildern ist zu sehen, wie die Vietnamesen diese vorfanden. Etwa auf der Hälfte gelangt man an den sogenannten “killing tree”. Ich wage kaum das dazugehörige Schild zu lesen, es kann ja nur noch furchtbarer werden, aber die Neugier siegt. An diesem Baum wurden Säuglinge und ganz kleine Kinder erschlagen, sie wurden einfach mit dem Kopf an den Baum geschlagen, bis sie tot waren. Die Baumrinde soll voller Blut, Gehirn und Knochenresten gewesen sein, ein bisschen kann man das noch sehen. Es gibt Dinge, die hätte ich lieber nicht gewusst. Der ehemalige Leiter de Tuol Sleng Gefängnisses, der stets seine Unschuld beteuerte, ist laut Audioguide vor diesem Baum weinend auf die Knie gefallen und soll ausgerufen haben: „Was haben wir nur getan!“.

In der Mitte des Geländes steht ein Turm, der mir natürlich schon vorher aufgefallen ist. während ich mich dem Turm nähere höre ich ein klassisches kambodschanisches Stück was für die Opfer des Regimes geschrieben wurde im Audiguide. Es ist ergreifend und stellt die unheimliche Stimmung des Ortes gut dar. Langsam gehe ich auf den Turm zu, und stelle schließlich fest, dass er mit Schädeln gefüllt ist. Die Schädel sind aufgetürmt, wie Äste, in diesem Meterhohen Turm. Unzählige Schädel, es ist unbegreiflich. Es sind echte Schädel von Opfern von Cheung Ek. Da schließlich siegt die Emotion über den Schock und ich fange an zu weinen. Was tun sich die Menschen nur gegenseitig Schreckliches an?

Wir sind froh, als wir den Ort verlassen können und fahren zum Foltergefängnis Tuol Sleng. Ich merke allerdings recht schnell, dass ich nicht mehr Aufnahmefähig bin. Das Gefängnis – jetzt ein Museum – ist brutal in seiner Ehrlichkeit. Man kann die tatsächlich verwendeten Folterinstrumente samt Erklärung anschauen und es hängen Fotos von Opfern an den Wänden, die die Vietnamesen so in ihren Zellen vorgefunden haben. Ich verbringe einen Großteil der Zeit im sonnigen Innenhof, der Kontrast zu den düsteren Zellen ist kaum zu ertragen. Was man genau in Tuol Sleng sehen kann und die Geschichte dazu kann jeder auf Wikipedia oder auf anderen Blogs, zum Beispiel hier, nachlesen. Eine Erzählung des Audioguides möchte ich euch aber mitgeben, denn sie hat mich tief erschüttert. Zwei westliche Reisende, ein Australier und ein Holländer (die Namen habe ich leider vergessen), beide Mitte 20, segelten mit einem Boot durch die Weltmeere und legten eines Tages an der kambodschanischen Küste an. Was sie nicht wussten: Kurz vorher hatte Pol Pot die Macht übernommen und der Genozid war bereits in vollem Gange. Die beiden Touristen wurden sofort mitgenommen, da die Khmer glaubten sie seien Spione. Wie auch bei allen anderen Insassen des Tuol Sleng half alles beteuern des Gegenteils nicht. Einer der beiden verstarb recht schnell, der Australier aber wurde monatelang gefoltert und immer wieder zu Geständnissen gezwungen. In seiner Not erfand dieser junge, mutige Mann Geschichten und nannte Namen – denn nur wer andere Namen nannte, gab ein „richtiges Geständnis“ ab. Was die Kambodschaner nicht wussten: Er nannte Comicfiguren aus seiner Heimat um zu vermeiden, dass irgendwer den er kannte – selbst Menschen zu Hause in Australien – in Gefahr geriet. Außerdem versteckte er in seinen Geständnissen eine Botschaft an seine Mutter. Das alles hat mich tief berührt. Das jemand in so einer Situation in der Lage ist noch an andere zu denken und sie zu schützen finde ich bewunderswert. Etwa genauso erstaunlich ist aber, dass es Kinder gibt, die dieses Grauen überlebt haben. Es erstaunt mich immer wieder wozu der menschliche Körper und Geist fähig ist – in beider Hinsicht: Fähig solches Grauen auszuüben, aber auch fähig, es zu ertragen und das zu überleben.

Würde ich den Besuch dieses Gefängnisses empfehlen? Eine schwierige Frage. Ich finde es wichtig, dass es solche Stätten gibt, um über solche Greueltaten aufzuklären. Andererseits geht ein Besuch dieses Gefängnisses nicht spurlos an einem vorbei. Nicht umsonst heißt es: „Ein Besuch des Tuol Sleng wird dich für immer verändern“. Diese Entscheidung sollte daher jeder für sich treffen.

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