Camino de Santiago – Wie Lucky Luke dem Sonnenuntergang entgegen

Logrono nach Santiago de Compostella (2007)

Am 16. März 2007 habe ich keine Ahnung wie spät es ist, aber es ist definitiv nach zwölf Uhr, denn die Sonne hat ihren Platz an meiner linken Seite schon längst verlassen. Auf einer stark befahrenen Straße betrete ich gerade eine Brücke über eine Autobahn. Nur noch wenige Schritte und ich passiere das Schild auf dem groß steht: „SANTIAGO”. Nach 22 Tagen Wanderung gen Westen und ungefähr 650 Kilometern bin ich endlich angekommen. Oft habe ich diesen Moment herbei gesehnt, und mir die Freudenjubel vorgestellt, die sich bei mir einstellen würden. Aber ich bin zu erschöpft um mich zu freuen. Ich will erstmal in die Pilgerherberge. Duschen, Essen, Schlafen. Warum auch sollte das “Ankommen” in Santiago so anders sein, als die Ankunft jeden Abend in einem der vielen Orte die am Jakobsweg liegen?


Am 21. Februar bin ich nach Barcelona geflogen. Ich wollte unbedingt, wenn ich denn schon in Spanien bin, Barcelona sehen. Einen Tag lang habe ich dort Touri gespielt- so ganz ohne Reiseführer gar nicht so einfach, weswegen ich auch nicht im Picasso-Museum war (*ärger*). Ich wusste schlicht nicht, dass es das dort gibt. Länger als einen Tag wollte ich nicht bleiben, ich war zu aufgeregt, ich wollte los, es trieb mich auf den Weg. Am 22. bin ich also mit dem Bus nach Logrono gefahren, habe mir einen Pilgerausweis gekauft und die erste von vielen Nächten in einer (was ich noch nicht wusste) ungewöhnlich luxuriösen, d.h. warmen Pilgerherberge verbracht. Dort habe ich Nico, einen von vielen Deutschen auf dem Camino, und Annike, eine Holländerin kennen gelernt. Beide waren in St. Jean Pied de Port, wo der eigentliche spanische „klassische“ Camino beginnt losgelaufen und daher bat ich die beiden morgens gemeinsam mit mir aufzubrechen. Ich war sehr unsicher, aber auch neugierig und einfach gespannt. Ich fürchte e den Weg nicht zu finden, zu spät aufzubrechen oder ähnliches. Nico meinte dazu schmunzelnd nur „Irgendwie weiß man einfach wo man lang muss, auch wenn mal keine Zeichen da sind.“. Jetzt weiß ich was er meinte – ich habe mich auf dem Weg nach Santiago nicht ein einziges Mal verlaufen. Meine erste Etappe waren „nur“ 16 Km nach Ventosa, wo mich Jutta warmherzig empfing mit den Worten „die ersten 16 sind geschafft – nur noch 600 Km to go!!“. Von den anderen Beiden hatte ich mich getrennt – sie gingen an diesem Tag noch weiter, ich wollte mir aber nicht mehr zumuten am ersten Tag.
Der Jakobsweg ist intensiv – jeden Tag aufs neue. Jeden Tag eine Lektion, jeden Tag ein neuer Mitpilger, jeden Tag andere Lanschaft, andere Ortschaften, andere Gedanken. Ich versuche daher, meine ganzen Eindrücke in Themengebieten zu bündeln, sonst wird das hier eher ein Buch, als ein Post. 😉

Die Strapazen

Die Füße tun weh. Sie tun so weh, wie du nie dachtest, dass deine Füße weh tun könnten. Weil die Füße schmerzen, läufst du irgendwie anders und dann schmerzen sie auf andere Art und Weise, an neuen Stellen, die Knie tun weh oder die Hüfte oder irgendwas anderes. Ich hatte besondere Probleme mit meinem rechten Fuß, was genau das Problem ist, weiß ich bis heute nicht… Fakt ist, die ****** Füße tun so weh, dass man zeitweise nur noch sterben will.
Und dann der Rucksack. Der Rucksack ist schwer. Auf der ersten Poststation an der man vorbei kommt lassen die meisten einen Teil ihres Gepäcks. So habe auch ich 2 Kg (!!!) postlagernd nach Santiago geschickt. 2 Kg mit Zeug, dass ich nicht brauche, jedenfalls nicht auf der Reise. Zwischendurch wirft man immer wieder Gepäck ab- hier einen Pulli, da ein Cape, dort dieses und jenes. Den meisten geht es jedenfalls so. Mein Rucksack war am Anfang voll und ca. 12 Kg schwer (mit Essen) und am Ende ziemlich leer und ca. 8 KG. Der Rücken hört auch tatsächlich irgendwann auf zu schmerzen- im Gegensatz zu den Füßen, die zumindest mir die ganze Zeit spätestens nach 15 Km an einem Tag anfingen weh zu tun. Dazu kommen Kleinigkeiten wie Hautirritationen von der Reibung und dem vielen Schweiß, Flohbisse, Wanzenbisse, Mückenstiche, Sonnenbrand und Blasen. Jutta meinte am ersten Abend zu mir, dass Blasen nicht vom vielen Laufen kommen, sondern aus dem Kopf – wenn man etwas nicht raus lässt, dann kriegt man Blasen. So war ich sehr stolz auf mich, auf der gesamten Reise nur 3 kleine Blasen gehabt zu haben und die alle am selben
Tag, die ich, wie ich fand, nur kriegte weil ich mich an dem Tag unglaublich geärgert habe. Aber die Strapazen hören sich schlimmer an als es ist. Man läuft ja nicht jeden Tag ein Stück von den (bei mir) 650 Km sondern man läuft eben jeden Tag 20 bis 40 Km. Je nachdem wie man drauf ist, wo eine Herberge ist und mit wem man unterwegs ist.

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Die Pilger

So viele Menschen habe ich getroffen auf dem Camino, die ich lieb gewonnen habe. Man lernt sich eben ziemlich gut kennen, wenn man mal 30 Km gemeinsam wandert. Zu dem kommt man mit der Einstiegsfrage „Warum machst DU den Camino?“ auch oft direkt an den unmittelbaren Kern der jeweiligen Person. Viele laufen, weil sie krank waren oder sind, ihnen jemand wichtiges gestorben ist, sie mit ihrem Leben nicht klar kommen, sich gerade vom Partner getrennt oder haben scheiden lassen, die Arbeit verloren oder hingeworfen haben, weil sie sich fragen, ob das moderne Leben wirklich so das richtige ist, weil sie drogensüchtig waren, weil sie sehr enttäuscht wurden etc. pp. und um Gott bzw. ihren Glauben zu finden oder für ihre Sünden zu büßen. Die wenigsten laufen den Jakobsweg nur der sportlichen Herausforderung wegen, auch wenn speziell die Deutschen fälschlicherweise verrufen sind dafür, den Jakobsweg zum Fitnesspfad umzufunktionieren. Ich meine nur – man kommt sich eben nahe, aber auf eine andere Art als sonst, irgendwie natürlicher und problemloser. Es ist plötzlich egal, wer man ist, was man hat. Nationalität, Profession, Alter, Soziale Schicht und Geschlecht sind plötzlich egal. Auf dem Jakobsweg sind alle einfach nur Pilger. Man spricht auch eher selten darüber, was man zu Hause macht. Man würde sich dort nie begegnen. Am Ende eines Tages fühlt man sich als kennt man all diese Leute schon seit Jahren. Das ist die *Nächstenliebe*, christlich oder nicht, völlig egal. Das war eine der Lektionen auf dem Weg- wir sind alle gleich. Und wenn ich das sage, dann meine ich das anders als ich vorher beispielweise Art. 3 unseres schönen Grundgesetzes verstanden hatte – es ist jetzt erst und erst so zu mir durchgedrungen was das wirklich bedeutet! Wir alle gehen den selben Weg. Jeder muss Berge besteigen, nur um nach einer kurzen schönen Aussicht wieder mit dem Abstieg zu beginnen. Alle sind erschöpft, alle haben manchmal Regen, manchmal Sonne. Alle kommen an den selben Gebäuden vorbei. Manchmal geht man ein Stück mit jemandem und trifft ihn Tage später wieder. Manchmal begegnet man jemandem nur einmal ganz kurz und man sieht ihn nie wieder. Man trifft Leute die man mag, welche die man nicht mag, Leute deren Ansichten man nichtmal nachvollziehen kann, aber die man trotzdem gern hat. Und so geht es allen. Alle haben dreckige Schuhe und einen verschwitzen Rücken. Man lernt sich gegenseitig zu helfen, kocht gemeinsam – der eine hat vielleicht eine Tomate und der andere ein Stück Brot. Manchmal möchte man alleine wandern um nachzudenken, aber manchmal kann man es allein vielleicht nicht schaffen. Und genau so ist das Leben! =)

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Eine Templerburg

Die Weisheiten

Auf einem Stein am Wegesrand sah ich am 2. Wandertag diesen Spruch:

“Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der dich berührt und der dir hilft zu leben!” (H. Hesse)

Leute, merkt euch diesen Vers! Wahrer könnte es nicht sein. Und jedes Ende ist bekanntlich auch ein Anfang! Also Leute – Kopf hoch! Immer die Nase in den Wind und denkt dran: Jedem Anfang wohnt ein zauber inne…..

Natürlich sind nicht alle „Lektionen“ des Camino so offensichtlich. Aber gelernt habe ich einiges. Pläne zum Beispiel, sind völlig und ich meine wirklich – ABSOLUT SINNLOS! Es hat keinen Zweck einen Plan zu machen. Du weißt nicht, was morgen kommt! Vielleicht ist das Wetter schlecht, vielleicht fühlst du dich nicht gut, vielleicht ist die Herberge in der du übernachten willst geschlossen, vielleicht ist gerade eine Beerdigung in der Kirche, die du besichtigen willst. Vielleicht frisst auch der Geldautomat deine EC-Karte (so wie mir das passierte). Aber es ist auch nicht schlimm, dass Pläne sinnlos sind, weil man braucht keinen Plan. Ziele – ja! Pläne?? – definitiv nein. Es wird schon alles irgendwie gut gehen. Der Punkt ist – die Welt wird sich weiter drehen, es wird passieren was passieren muss, du kannst nicht drumrum planen. Ich spreche aber nicht von Determination, versteht mich nicht falsch. Mir ist dazu eine schöne Metapher eingefallen: Jeder geht den selben Weg. Die Berge und Täler sind aber schon da. Manchmal hast du die Wahl ob du drum herum oder drüber gehen möchtest. Aber du kannst nicht planen, was du noch nicht weißt. Erst wenn du den Berg siehst und weißt das es ihn gibt kannst du ihn besteigen….
Mit Juan-Carlos (ich nenne ihn insgeheim meinen Guru) hatte ich eines der schönsten Gespräche auf dem ganzen Weg. Über Liebe und Hass, Religionen, Glück und Traurigkeit, Langeweile, Atmen….“don’t worry about the fruit, worry about the action“ stammt von ihm. Und ich trage den Anhänger mit der Heiligen Maria, den er gefunden und mir geschenkt hat bei mir. Ich bin zwar nicht katholisch, aber das ist doch alles egal. Ich meine das wusste ich vorher schon, dass Glauben etwas anderes bedeutet, aber ich wusste vorher nicht dass ich auch einfach alles machen kann, wie’s mir Spaß macht, und wenn ich Lust habe mir die Heilige Maria um den Hals zu hängen dann tu ich das eben!

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Die Kathedrale von Leon

Die Landschaft

Die Pyrenäen habe ich ja leider nicht gesehen, aber eins kann ich euch sagen – langweilig wird einem da nicht. Man lernt die Natur zu genießen: Vögel singen hören, Wasser plätschern sehen, Wolken beobachten, Pflanzen wachsen sehen, den Frühling beobachten. Und man läuft ja durch verschiedene Temperaturen (jedenfalls war das bei mir so), verschiedene Höhen, Berge, Täler, Hochebenen….

Aproppos Hochebene: Die Meseta! Durch die läuft man auch….und das war Psychoterror für mich. Diese Leere! Unvorstellbar…unberschreibbar! Einfach nur grün. Es ist als ob kein Lüftchen weht, es ist als ob die Zeit stehen geblieben ist, es gibt keinen Raum mehr, alle physikalischen Gesetze sind aufgehoben…man läuft und läuft und läuft und läuft und es kommt einem vor wie Tage und doch waren es nur endlos lange 15 Minuten in einer endlos kargen menschenleeren, lebensleeren Landschaft. Manchmal sieht man einen Traktor von weitem: Das Geräusch hallt kilometerweit und man sieht ihn in der Ferne vorbeikriechen und es kommt einem alles so unwirklich vor! Ein Traktor – hier! – im Vakuum!

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Die Meseta

Das „Reinlaufen“ nach Hontanas war der Horror. Man sieht die Stadt nämlich erst wenn man schon da ist. Es ist wirklich verrückt. Aber spätestens die letzten dreißig Minuten zweifelt man daran, dass es Hontanas wirklich gibt. Man glaubt schon, dass ist alles nur ein großer Witz den sich die Verfasser der Reiseführer ausgedacht haben – es gibt kein Hontanas! Es gibt hier nichts! Es wäre doch skurril wenn hier plötzlich eine Stadt aus dem nichts auftauchte! Es gibt doch hier nichts, du kommst nie an, NIE! Vielleicht könnt ihr ein klein bisschen nachfühlen warum ich das als Psychoterror bezeichne….Jeden Abend den ich ankam während ich durch die Meseta lief, jeden Abend habe ich mir gesagt: „Morgen nehme ich einen Bus“ und einmal war ich wirklich kurz davor (Alex & Matthias können es bestätigen…). Und irgendwie, am nächsten Tag macht man es dann doch nicht. Und ihr glaubt gar nicht wie schön es ist, nach so einer leeren Landschaft in die schönen Berge und nach Galizien zu kommen….Das ist der Hammer! Galizien ist wunderschön (wenn auch sehr verregnet), für mich definitiv der schönste Teil. Aber natürlich toppt nix den Anblick des Meeres nach so langer Zeit… Man ist so lange darauf zu gelaufen. Schon Tage vorher meint man das Meer zu riechen….es kommt näher… Meer! Aber dann, wenn man endlich das Meer sieht! Wow! Besser als der Anblick von Santiago ist der Anblick des Meeres. Beeindruckend, Edel, Mächtig, Unbezwingbar!

Das Leben auf dem Camino

Als ich Annike am ersten Tag beim laufen fragte, was sie macht (wobei ich beruflich meinte) antwortete sie: „I walk“. Laufen, essen, duschen, schlafen. Vielleicht irgendwann zwischen durch zufällig Internet. Und ab und zu essen einkaufen und Postkarten schreiben. Manchmal hört man auch Musik… Manchmal singt man beim Gehen (also ich mache das jedenfalls). Manchmal rezitiert man einfach alles was einem einfällt. Aber im Prinzip ist es das: Laufen, Essen, Schlafen. Das sind die drei Dinge die man machen muss. Alle andere sind Variablen. Abends kocht man in gemütlicher Runde vielleicht zusammen und trinkt dann noch einen Weinchen schließlich heißt es ja auch: “Buen Camino, Buen Vino!”. Und guten Wein gibt es in Spanien in Hülle und Fülle. Allerdings trinkt man eher weniger „Fülle“ weil man von den Anstrengungen des Tages abends todmüde ist (eine nie gekannte Müdigkeit übrigens, eine dankbare Müdigkeit) und überhaupt ist man auch schnell „angetütelt“, schon von einem Gläschen. Aber gesellig sind diese Abend zweifelsohne, dauern sie auch selten länger als bis zwölf.
Die Herbergen sind immer ein Traum. Nicht weil sie luxuriös wären. Weil man endlich angekommen ist. Da macht es nichts, dass das Wasser in der Dusche kalt ist, das Bett hart, die Heizung nichtexistent, das Fenster kaputt….nein, natürlich macht es was aus. Aber man lernt zufrieden zu sein. Froh weil man ein Dach über dem Kopf hat. Glücklich kochen zu können. Glücklich sich waschen zu können. Und über-alles-glücklich endlich sitzen zu können….Eine der kältesten Nächte war sicher die in Hospital de Orbigo, wo ich gemeinsam mit Helge die Nacht vorm Kamin auf dem Fußboden verbracht habe, weil ich in den Zimmern dachte ich muss erfrieren. Aber wie man sieht – ich bin nicht erfroren! Also auch bezüglich Kälte kann man durchaus an seine Grenzen gehen ohne Schaden zu nehmen! Das Leben ist einfach, aber wunderschön. So unkompliziert. Eigentum belastet nur. Das merkt man wortwörtlich auf dem Camino. Aber man lernt es auch metaphorisch zu verstehen.

Die Drei Phasen

Angeblich hat der Jakobsweg drei Phasen: Zuerst die körperliche, dann die mentale und schließlich die spirituelle. Die körperliche dauerte bei mir so ca. 10 Tage. Man ist in dieser Zeit eigentlich kontinuierlich damit beschäftigt Schmerzen zu haben. Das hört sich jetzt masochistisch an, aber es ist einfach so. Man hat dann auch irgendwie nicht wirklich eine Wahl. Man läuft. Und die Füße tun weh. „My feet have established a whole new kind of pain“ war einer der Standardsätze am Anfang zwischen mir und John, einem meiner liebsten Mitpilger, über den ihr gleich noch hören werdet. Und dann wird einem die Tasche schwer. In den ersten Tagen pflegte ich die (anscheinend ungewöhnliche) Eigenschaft mich einfach mitten auf dem Weg hinzulegen wenn ich nicht mehr konnte. Warum denn an den Wegrand gehen? Sah ich nicht ein. Wenn einem die Füße so weh tun, dann ist jeder Zentimeter zu viel.
Falls ihr jetzt denkt, dass war der schwere Teil, dann habt ihr euch geirrt…

Die mentale Phase ist weit aus härter, fand ich jedenfalls. Man weiß jetzt, dass man wider Erwarten nicht stirbt, wenn man 35 Km am Tag läuft. Man weiß jetzt auch, dass man doch immer irgendwoher was zu essen kriegt, sollte man mal vergessen haben einzukaufen. Man weiß auch – da ist immer jemand da, dort wo man ankommt. Das ist alles nicht das Problem. Erst fehlt die Motivation. Man kommt endlich an den Punkt, wo man sich fragt, warum man sich das eigentlich an tut. „Ich könnte jetzt irgendwo am Strand liegen“ dachte ich manchmal. Dann schleppt man sich durch die Landschaft und weiß nicht warum. Bis man merkt dass einen irgendwas belastet. Seien es vergangene „Schulden“, früherer Schmerzen, verletzte Gefühle, fehlendes Selbstvertrauen, der Glaube daran das man nie ankommt, irgendetwas. Irgendwann bricht das aus einem raus. Man geht plötzlich beschwingt, schnell, furchtlos….aber meint nicht das einmal geschafft immer geschafft bedeutet. Jeden Tag muss man den Kampf mit sich selbst neu aufnehmen, jeden Tag ist es dasselbe. Aber das macht nichts, wenn man einmal weiß, dass es gute und schlechte Tage gibt. Es macht nichts, wenn man weiß man kann den Kampf gewinnen. Nico meinte, man kann den Weg nicht gehen ohne einmal geweint zu haben. Ich kann das nur bestätigen.
Schließlich kommt die spirituelle Phase. Ihr Beginn markiert nicht einen solchen Bruch wie das zwischen den ersten beiden Phasen der Fall ist. Mentale und Spirituelle Phase gehen nahtlos ineinander über…man merkt nur man unterhält sich plötzlich nur noch über Glauben und Religion, über das große Ganze über Gott eben. Man spricht schneller ein stilles Gebet, hat öfter die Melodie eines alten Kirchenliedes im Kopf, sucht eher mal eine Messe auf. Und vor allem: Man lernt was Gottvertrauen wirklich bedeutet.

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Die Meseta, meine Lieblingsetappe..nicht

Liebgewonnene Mitpilger und Berühmtheiten auf dem Camino

Von allen Mitpilgern ist zuerst John zu erwähnen. John war der erste den ich traf und mit dem ich mich unterhalten konnte, nach dem ich tagelang keine Konversation gehabt hatte, die länger als 5 Minuten dauerte. Wir verstanden uns insbesondere aufgrund eines ähnlichen Humors sofort blendend und bildeten so ein für viele etwas befremdliches Pärchen – ich die 21-jährige, ledige, deutsche Jurastudentin und John, der 35-jährige, verheiratete, britische Beamte und Vater von zwei Kindern. Wir hatten aber ein ähnliches Tempo und wir trafen uns immer wieder: Wir haben uns sehr oft getrennt und doch sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen. Schließlich ist John leider gestürzt – er brach sich den Knöchel auf vier verschiedene Art und Weisen, wurde von Mountain Rescue abgeholt und musste schließlich heim fliegen. Es war sehr traurig, dass es so kommen musste. Aber im Endeffekt kann man auch froh sein, dass nicht mehr passiert ist. Dann wäre da definitiv Sabrina zu erwähnen. Sie ist mir mit Sätzen wie „Du weißt doch das du es kannst!“ und „Ich weiß doch, dass ich stark bin, ich will jetzt mal sehen, ob ich auch schwach sein kann.“ Im Gedächtnis geblieben. Wir haben uns sehr gut unterhalten, wie ich fand, und sie war eine von meinen Geburtstagsgästen in Santiago. Auch Steffi, auf deren Spuren ich tagelang war bis ich sie traf und sie mich (u.a.) auch prompt bekochte war eine meiner Lieblingsmitpilgern. Unvorstellbar natürlich ohne Helge. Diese beiden Theologen aus Leipzig haben mich fortwährend an meine Eltern erinnert…..
Berühmt waren mit Sicherheit Nico und John (ein anderer, amerikanischer John). Ihre Im-Schneesturm-Über-Die-Pyrenän-Story kannte glaube ich jeder. Verrückt ist kein Ausdruck für was die beiden durchgezogen haben. Aber es waren auch beides sehr interessante Persönlichkeiten – ich habe diesen John erst ganz am Ende getroffen, aber dann einen ganzen Tag mit ihm in Santiago verbracht. Im Kunstmuseum, Cafe, Restaurant ungefähr zehn Stunden lang ununterbrochene kontroverse Unterhaltung.
Last but not least- der Guru, Juan-Carlos und seine „Jünger“ Manuelle und Jaume. Diese drei waren wirklich eine lustige Truppe und ich habe einen meiner schönsten Tage mit ihnen verbracht. Staunend, fast schleichend, den Weg entlang: Schau hier die Blumen, sieh da der Vogel, hör hier das Tier und bejubele am Ende des Tages den Sonnenuntergang!
Nun ja, nahe gekommen ist man vielen. Man geht eben gleich auf’s Ganze, wenn man nur fragt, warum der andere den Weg geht. Und man scheint sich irgendwie ewig zu kennen, wenn man erstmal ein paar Kilometer miteinander gegangen ist. Schon seltsam.
Auch Moni mit ihrer Liebesgeschichte (sie verliebte sich auf dem Weg in einen Spanier, pardon Katalanen, und er auch in sie) ist jemand den ich nicht vergessen werde!
Berühmte Pilger waren auch: Der Holländer der ein Bügeleisen bei sich trug, der gewalttätige Korse, ein Deutscher namens Nick, der seinen Schlafsack verschenkt hat, einer Peruanerin die alle nur „the lady from Peru“ nannten und und und….
Natürlich trifft man auch Leute die man nicht mag. Oder die man vielleicht mag, aber man trifft sie vielleicht einfach zu einem schlechten Zeitpunkt. Und dann muss man auch lernen einfach zu sagen, dass man gerne allein gehen möchte…auch nicht immer einfach.

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Kathedrale von Burgos

Abschließend

Was gibt es nun noch zu sagen? Ich kann jedem diesen Weg nur empfehlen. Keine Erfahrung kann diese Aufwiegen – da bin ich sicher. Gelassenheit habe ich gelernt. Die Rück-Anpassung an das moderne Leben war nicht einfach, aber es ist eben auch nur ein „Berg“. Sicher – es ist schwieriger sich im modernen Leben täglich neu zu motivieren, man hat mehr Aufgaben und Pflichten, mehr zu koordinieren, vielleicht wird von einem erwartet dass man unverschwitzt und geschminkt irgendwo auftaucht. Aber im Endeffekt ist es doch alles nur ein Stück Weg!

Jetzt bleibt mir nur euch einen “Buen Camino!” (guten Weg) zu wünschen. Passt auf euch auf, wohin euch euer Weg auch führt!

Pilgern
Finisterre

Ankunft in Santiago

Santiago, Santiago…jetzt bin ich da. Das Ankommen war seltsam. Eine ganz neue Erfahrung. Heute in der Messe bin ich wirklich angekommen. Ich habe viele Leute kennen gelernt. Heute abend esse ich mit einer italienischen Familie, einer Peruanerin und einem Französischen Fremdenlegionär. Die Reise hierher war zu lang und gleichzeitig zu kurz. Ich hätte mir mehr Zeit lassen können. Aber es war schon gut so. Ich musste hier ankommen um frei zu werden, von Vielem. Vieles habe ich bereits gelernt. Man lernt es als Metaphern auf dem Weg. Jeder geht SEINEN Weg. Es geht auf und ab. Mal scheint die Sonne. Mal regnet es. Mal ist es flach. Mal steigt man auf Berge. Dann wieder runter. Ein Stück geht man gemeinsam, andere allein. Manche Menschen trifft man immer unerwartet wieder. Manche sind immer unerreichbar weit weg. Aber sie sind doch die selben Schritte gegangen vorher. Manche sind da, wenn es was zu feiern gibt. Andere nicht. Alles ist gut so wie es ist. ES IST DER LAUF DER DINGE. Und selbst wenn man sich mal einen Tag beschissen fühlt und heult und am Wegesrand liegen bleibt und nur noch sterben will – am nächsten Tag steht man doch wieder auf und geht weiter.
Man hat viele Vorurteile, die man gar nicht bemerkt. Man trifft starke Frauen. Und Männer denen man nie zugetraut hätte, dass sie Tränen in den Augen haben könnten, weil sie einen schönen Vogel sehen. Und dann passiert genau das. Man sieht viele schöne Tiere. Landschaft ist mal spannend und mal leer. Alle suchen nur dasselbe – Frieden, Liebe, Gott. Jeder muss diesen Weg gehen, egal ob alt ob jung, ob reich ob arm, ob Portugiese oder Deutscher, ob Frau ob Mann, allein oder gemeinsam, jeder hat seinen Weg. Und nicht alle kommen an, nur weil sie denken, dass sie ankommen werden.
Alles hat seine Zeit. Man lebt im Hier und Jetzt. Man geniest einen Sonnenuntergang, ein Glas Rotwein, den Anblick einer seltenen Raupe, ein gemeinsames Lied, ein stilles Gebet, ein Käsebrot, einen Schritt, eine Pause auf der Wiese, einen Gang zur Toilette, einen Schatten, einen Schutz vom Regen, etwas Gewicht los werden, ein neues Paar Socken, die Füße ausstrecken, einen Gebirgsbach, einen Schmetterling, ein freundliches Lächeln, einen lieben Gruß, ein Halleluja, wenn man abends ankommt.
Man hat manchmal Angst. Aber da muss man durch. Man ist manchmal gut drauf, manchmal nicht, ohne Grund. Es gibt Leute die man mag und andere die man nicht mag und denen man trotzdem immer wieder begegnet. Was heißt ankommen…? Man kauft heute einen Apfel morgen vielleicht wieder einen. Mal teurer mal billiger, wo man grad ist….Ich kann es allen nur empfehlen diesen Weg zu gehen. Und zwar im Frühjahr, wenn alles blüht, es nicht mehr so kalt ist, aber auch nicht so heiß und nicht so viele Leute unterwegs sind. Hier kommt man auf den Boden der Tatsachen zurück und diese sind: Glaube, Liebe Hoffnung.. Nächstenliebe, Essen teilen, Gemeinsam kochen, ein trockenes Stück Brot genießen, aber auch ein Stück Schokolade, Nahrung, Kommunikation, andere fragen wie’s ihnen geht, Grüße ausrichten, Blickkontakt, Erfahrungen austauschen, über Gott reden. Der eine mag in der Fremdenlegion sein und schon einen Menschen getötet haben, wer weiss, aber gleichzeitig tiefgläubig sein und viel vom Leben verstehen. Was ein Kontrast für mich ist, muss für andere keiner sein. Jeder lebe SEIN leben, gehe SEINEN weg, ich bin nicht in der Position zu urteilen, und mag ich auch objektiv dieses oder jenes verachten, den Menschen mag ich vielleicht trotzdem. Man weiß auch nie wie der andere sein Leben lebt, seien Entscheidungen fällt, sich vor sich selbst und Gott rechtfertigt, zu allem gibt es eine andere Seite. Pläne sind völlig sinnlos, weil man nie weiß was morgen ist – vielleicht ist das Wetter schlecht, vielleicht tun die Füße weh, vielleicht hat man keine Lust weit zu gehen, vielleicht hat man keine Lust nur wenig zu gehen, vielleicht findet man einen Ort, an dem man bleiben will, vielleicht findet grade eine Beerdigung in einer Kirche statt, die man gerade anschauen will….vielleicht gibt es im nächsten Dorf kein Café, vielleicht ist die Herberge zu, vielleicht ist sie offen, oder vielleicht bringt man jemanden dazu die Herberge zu öffnen, vielleicht hat man Geld, vielleicht nicht, weil kein Geldautomat kam, vielleicht ist man morgen tot – wer weiss?
Aber Pläne muss man von Zielen unterscheiden. Man braucht keine Pläne, aber Ziele, egal ob intuitiv oder durchdacht. Manchmal ist kein Wegweiser da und man weiß trotzdem wo’s lang geht. Manchmal sind viele Wegweiser da und man verläuft sich trotzdem. Manchmal erschrickt man wenn ein hund bellt, ein anderes mal nicht. Mein Geburtstag hier war auch spitze, aber im Endeffekt war es doch nur ein ganz normaler Tag in meinem Leben, ein Tag wie jeder andere mit Sonnenauf und -untergang, einem Frühstück, ein paar Pausen, einem Stück Weg, neuen und alten Freunden & Freuden.

 

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