Fünf Freunde in Mordor

Java, Indonesien
Yuri ist 22. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Und er ist Schwefelarbeiter im Vulkan Kawah Ijen.

Im Vulkan Ijen wird mit der Hand Schwefel abgebaut, die Arbeiter tragen bis zu 80 Kilo in zwei an einem Stock befestigten Bastkörben den Vulkankrater hinauf, den Berg wieder hinab und zum drei Kilometer entfernten Dorf, wo sich die Verarbeitungsstätte befindet. Zwei, maximal drei Mal am Tag schafft Yuri das, sagt er. 50.000 bis 70.000 Rupiah (umgerechnet 3- 5 Euro) kriegt er dafür am Tag, damit kann er seine kleine Familie kaum ernähren. Aber er lächelt, wenn er von seinem Sohn erzählt, auf den er sichtlich Stolz ist. Und er wirkt nicht unglücklich. Yuri arbeitet hier seit drei Jahren, auch darauf ist er stolz. Ich verstehe kaum warum, die Arbeiter werden hier im Schnitt nur 40 Jahre alt und ich denke: “Yuri, du bist noch jung, du kannst Englisch, du kannst dir einen anderen Job suchen”. Aber ich sage es nicht. Mit der Arbeit ist es hier in Indonesien schwierig, wie vielerorts heutzutage.
Heute ist Yuris freier Tag, das bedeutet aber nicht etwa, dass er sich ausruht. Nein er ist heute unser Guide. Yuri tut uns so leid, dass wir ihm schon nach einer halben Stunde 50.000 Rupiah zustecken. Für uns nichts – für ihn macht es einen Unterschied, hoffen wir. Mitten in der Nacht steigen wir langsam den Vulkan hinauf, der Weg ist beschwerlich und steil, und es dauert etwa zwei Stunden bis wir am Krater ankommen. Schon unten am Jeep hat es nach Schwefel gestunken, etwa nach anderthalb Stunden gibt uns Yuri zwei Gasmasken. Er selbst trägt keine. Wir fragen wiederholt nach, wo denn seine Maske sei. Er druckst rum. Er trägt keine. Ich kann mit der Gasmaske wegen der körperlichen Anstrengung kaum atmen, manchmal kriege ich Panik, dass ich keine Luft kriege. Es ist mir unklar, wie man mit so einem Ding auf in einem Krieg kämpfen kann, denke ich. Andererseits ist mir sowieso unklar, wie man in einem Krieg kämpfen kann. Wenn ich die Maske abnehme, kriege ich noch weniger Luft. Je näher wir dem Krater kommen, desto mehr zieht der Schwefel auch durch die Maske. Ich sehe viele Touristen ohne Maske und erst ist es mir peinlich und ich denke: “Wir sind wieder die einzigen Idioten, die sich hier abziehen lassen”. Aber später bin ich mehr als froh über die Gasmaske und frage mich wie die anderen das aushalten. Und die Schwefelarbeiter, wie machen die das? Sie alle tragen keine Masken, tag aus tagein, vermute ich.
blogger-image-826641516Oben am Kraterrand angekommen, geht es in den Krater rein, in den dichten Schwefelqualm, wir mit Maske, Yuri ohne. Der Weg ist mehr als wahnsinnig. Man sollte meinen das für die Schwefelarbeiter oder wenigstens für die vielen Touristen ein befestigter Weg angelegt wäre, aber weit gefehlt. Der “Weg” ist nicht mehr als ein gerölliger Trampelpfad, ab und zu sind ein paar ausgetretene Treppenstufen in den Stein gehauen – meistens aber nur ein paar Steine lose zu einer Stufe aufgetürmt. Yuri führt uns geduldig in den Krater rein, beständig “Hati-Hati” (Achtung, Aufpassen) und “slowly” (langsam) sagend. Manchmal reicht er mir die Hand, wenn der Hang besonders rutschig ist. Ich muss ganz langsam gehen, ich habe Angst hinzufallen und außerdem komme ich mit der Gasmaske so schnell aus der Puste, selbst bergab. In regelmäßigen Abständen muss der  sich in den Krater hinein bewegende Zug aus Touristen (mit oder ohne Guide) anhalten und zur Seite treten,  um die Schwefelarbeier mit ihren gefüllten Bastkörben vorbei zu lassen, die mühsam den Krater hochsteigen.

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Ich kann vor Fassungslosigkeit nicht aufhören den Kopf zu schütteln. Timo zeigt auf die Füße eines Arbeiters und reißt die Augenbrauen hoch (reden ist mit Gasmaske nicht so einfach) – Der Schwefelarbeiter trägt nur Flipflops. Sie tragen alle nur Flipflops, fällt uns jetzt auf. Und ich kann mich hier kaum mit meinen Turnschuhen halten. Ich will gar nicht wissen, wieviele hier in den Tod stürzen. Beschämt erinnere ich mich daran, dass ich manchmal meinen Arbeitsalltag hart finde, nur weil ich lange Tage auf einem Stuhl vor einem PC sitze. Pah! Das hier ist eine harte, eine körperaufzehrende Arbeit.
Etwa eine Stunde brauchen wir in den Krater rein, es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Immermehr brennt der Schwefel in den Augen, die Maske kann ich nun nicht mehr abnehmen, oft muss ich die Augen schließen. Unten angekommen kann man im Qualm die blauen, schwefelhaltigen Flammen sehen, wofür der Vulkan bekannt ist, wenn nicht gerade einer der anderen Touristen so blöd ist und sein Foto-Blitzlicht auf den Qualm hält. Die Flammen sieht man nur im Stockfinsteren, deshallb muss man ja auch mitten in der Nacht in diesen verrückten Krater steigen, sonst sieht man die Flammen nicht.

Ich fühle mich wie in Mordor und denke: “Frodo, so wirf doch den scheiß Ring endlich ins Feuer, damit das alles ein Ende hat”. Stattdessen gibt Yuri uns ein Stück Schwefel zum Anfassen, es glänzt und sieht irgendwie aus wie ein Edelstein.

 

Endlich steigen wir den Krater wieder rauf, um am anderen Kraterrand den Sonnenaufgang über dem heiß blubbernden Kratersee zu sehen. Die Sonne steigt wärmend über dieser Hölle auf und von oben sieht es alles gar nicht so schlimm und ganz friedlich aus – irgendwie unwirklich. Hier weht ein frischer Wind und man riecht den Schwefel nicht. Wir fünf schauen abwechselnd in die Sonne und auf den See und sagen nicht viel. Unsere beiden Guides stehen abseits. Gerade als wir an Yuris Geschichte zu zweifeln beginnen, verabschiedet er sich und steigt wieder nach Mordor hinab um weiter zu arbeiten. Dann beginnt unser mehrstündiger Abstieg zurück zum Jeep. Auf dem Rückweg kann ich nicht aufhören zu denken: “Er hat uns angelogen. Er hat gar keinen freien Tag”.

 

36 Stunden, zwei Vulkane, 12 Stunden Wandern, 7 Stunden auf Reisen und insgesamt nur 4 Stunden Schlaf bei 3 Mahlzeiten – auf Java sind wir angesteckt durch unvorhergesehenen Gruppenenthusiasmus kurzfristig zu Vulkanjägern mutiert. Erst Bromo, dann Kawah Ijen.
 
Stunde 0: An einem Mittwochnachmittag sind wir nach einer 9-stündigen Zugfahrt aus Yogjakarta in Probolinggo angekommmen. Der Zug hatte, obwohl Holzklasse, Steckdosen und AC. Ich wette die haben hier W-LAN im Zug bevor die Deutsche Bahn das bei uns hinkriegt!
Von Probolinggo müssen wir einen Minibus ins Dorf Cemoro Lawang nehmen. In mehreren Blogs, auf Travelwiki und auch im Lonely Planet sind die übertriebenen Betrugsversuche der Busunternehmer in Probolinggo beschrieben, mit denen sie versuchen die Touristen abzuziehen. Wir sind vorbereitet, aber ich habe keine Lust. Vor dem Bahnhof steht ein ratloses französisches Pärchen, die ich kurzerhand anspreche, damit wir uns mit ihnen zusammmen tun können. Je mehr Leute, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, das wir zu zweit einen ganzen Minibus (500.000 Rupiah) nach Cemoro Lawang bezahlen müssen. Erste Hürde – ein Bemo zum Busbahnhof kriegen (Bemos sind noch kleinere Busse als Minibusse, die mit offenen Türen fahren und von den Einheimischen für kürzere Strecken benutzt werden). Der Bemo-Fahrer versucht erwartungsgemäß uns weis zu machen, dass heute keine Busse mehr nach Cemoro Lawang führen und will uns vor einem Reisebüro absetzen, von dem er behauptet, es sei der Busbahnhof. Wir sind darauf eingerichtet und bestehen darauf zum Busbahnhof gefahren zu werden, was er dann zähneknirschend tut. Vor dem Busbahnhof gleiches Spiel, aber wir gehen durch bis zum im Lonely Planet empfohlenen Reisebüro, dessen Personal uns zu einer Gruppe bereits wartender Ausländer bringt. Wir sind zu zwölft, zwölf Vulkanjünger. Sehr gut. Nach kurzer Wartezeit wird uns – ebenfalls erwartungsgemäß – erläutert, da wir jetzt ja keine 15 Leute sind, würde es teurer werden. Es geht um einen Euro pro Person und mit nur einer Gegenstimme stimmen ab, dass uns das egal ist.
Die Fahrt dauert länger als erwartet und wir kommen erst gegen neun in Cemoro Lawang an. Dort suchen wir eine Unterkunft und die Gruppe splittet sich auf. Wir kommen mit dem französisschen Pärchen – Pierre und Angelique – und einem venezualesischen Schotten namens Luis in einem schäbigen Homestay mit wackeligem Wifi unter. Nach einem unterhaltsamen Abendessen legen wir uns gegen 24 Uhr endlich schlafen.
Um den Sonnenaufgang über dem Vulkan Bromo zu sehen, muss man drei Uhr nachts aufstehen und dann im stockfinsteren zwei Stunden lang einen Berg hochsteigen, wenn man keine Lust hat viel Geld für einen Jeep zu bezahen, der einen doch nur irgendwohin karrt, wo superviele andere Leute auch sind. Als der Wecker ertönt, bemerke ich als erstes den unglaublichen Schwefelgestank, der in unserem Zimmer hängt, so als hätte Gott – pardon – durch unsere Fensteröffnung einen gewaltigen, göttlichen Furz in unser Zimmer los gelassen! Schnellstmöglich ziehen wir uns an und treffen uns mit dem anderen. Draußen ist der Gestank leider auch nicht besser (Überraschung!). Da wir ja nun irgendwie alle im selben Boot sitzen, starten wir gemeinsam in die schwarze Nacht hinaus den dunklen Berg hoch zu hechten, nur grob wissend, wo es lang geht. Aber die Aussicht lohnt sich – oben genießen wir fröstelnd (auf etwa 2500 Metern) und teetrinkend etwa 12 Stunden nach unserer Ankunft in Probolinggo mit vielen Scherzen den Sonnenaufgang, und der Vulkan pufft, wie bestellt, zwei Mal Rauchwolken in den rosaroten Morgenhimmel.
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Erst bei Tageslicht wird uns klar, dass da mehrere Vulkane zu sehen sind und wir nicht wissen, welcher Bromo ist. Aber das lässt sich alles raus finden. Die Landschaft um die Vulkane sieht aus wie eine Mondlandschaft, vor Bromo erstreckt sich ein weites Aschefeld, aber auch dort wächst unglaublicherweise grünes Gras.

 

Die Natur kann eben durch nichts aufgehalten werden. Mit einem Ojek (das ist ein Moped von dem man sich irgendwo hin fahren lässt wie von einem Taxi) lassen wir uns zum Fuß von Bromo fahren und erklimmen den Vulkan. Unser erster Vulkan!
Oben halten wir es allerdings trotz der tollen, weiten Aussicht nicht lange aus, da es hier noch mehr nach Schwefel stinkt als im Dorf. Also zurück ins Dorf und frühstücken – so gegen 10 Uhr – das Frühstück ist selbst gemessen an indonesischen Standards und an unserem riesigen Hunger ungenießbar und wir lassen die Hälfte zurück gehen, obwohl wir mehr als hungrig sind. Dann zurück in den Minibus – erneute Verhandlungen mit dem Busfahrer und ich treibe ein paar Leute mehr zusammen, damit es günstiger wird. Dann entschließen wir uns circa 24 Stunden nach Ankunft in Probolinggo zusammen mit den anderen Dreien direkt mit dem Zug nach Banyuwangi zu fahren, und dort den nächsten Vulkan – Kawah Ijen – zu besuchen. 5 Stunden Zugfahrt, vom Zug aus Jeep zum Vulkan organsisieren, Ankunft gegen 22 Uhr, kein Restaurant oder Laden in der Nähe und kein Essen in der Unterkunft. Da man zu Kawah Ijen noch früher aufbricht, lohnt es sich nicht ein Zimmmer zu nehmen. Nachdem alles geklärt ist, legen wir uns für etwa zwei Stunden in der “Lobby” der Unterkunft auf den Sofas und dem Fußboden schlafen – gegen ein Uhr nachts kommt unser Jeep uns abholen. Im Supermarkt auf dem Weg kaufen wir Snickers, Coca Cola und Red Bull. Und den Rest der Geschichte kennt ihr….
Nach Kawah Ijen fuhren wir zurück ins Hotel, wo wir (was dringend nötig war) duschen durften und dann ging’s auch schon zur Fähre nach Bali. Eigentlich wollen wir vorher noch was essen, aber weder am Fährhafen Ketapang noch auf dem Weg dorthin gibt es ein Restaurant und die Fähre fuhr 10 Minuten später los. Also nix wie rauf aufs Boot, in Bali gibts sicher irgendwo was zu essen… völlg fertig denke ich, dass ab jetzt alles anders wird, entspannter, ruhiger. Ich fühle mich jedenfalls so, als hätte ich in den letzten 36 Stunden die zehn Kreise der Hölle durchlaufen. Die Schwefelarbeiter würden darüber wohl vermutlich lachen.
 
Unterkunft Banyuwangi (& Jeep): Kampung Osing Inn

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