Sumbawa Superstar

Sumbawa, Indonesien
16:00 Uhr, Bima, Sumbawa, die Frisur hält. Aber da gibts auch nicht viel zu halten, wenn man ehrlich ist. Dafür gibt es bereits auf der Flugzeugtreppe die ersten Probleme mit dem Verhüllen, da der Wind mein Tuch weg bläst. Sumbawa soll sehr konservativ muslimisch sein und der erste Eindruck bestätigt das – fast alle Frauen tragen hier Kopftuch und im Flugzeug saß sogar eine Frau mit Burka. Der erste Eindruck bestätigt ebenfalls, dass diese Insel kaum touristisch genutzt wird. Sumbawa ist zwar groß, aber die Touribusse heizen hier nur schnell durch, um nach Flores zu gelangen. Weder unser Reiseführer noch das Internet geben viel an Informationen über die Insel her; das ist ein Ausflug ins Ungewisse. 
Vom Flugzeug aus haben wir nur Berge und Wald gesehen, kaum Dörfer geschweige denn Straßen. Entsprechend der Unbekanntheit dieser Insel ist der Flughafen miniklein: 1 Häuschen, 1 Runway, 1 Gate und 1 minikleines Gepäckband mit Plastikbäumen als Deko. Als das Gepäckband zu rollen beginnt, erscheint als erstes eine riesige 20 Liter Flasche Limonade auf dem Band. Da hat sich jemand ja was vorgenommen.
Nach langem hin und her entscheiden wir uns ein Taxi nach Bima zu nehmen. Lakey Peak, ein Surferort, ist ein bisschen in Richtung Westen (also nicht unsere Richtung), außerdem kostet das Taxi dorthin 700.000 Rupiah (ca. 47 Euro) und man kann dort nix tun außer Surfen soweit wir wissen, und das auch nur als Profis (also nicht wir). Das Taxi nach Bima ist auch nicht grade billig für die kurze Strecke – 100.000 Rupiah (6 Euro etwa). Aber eine Wahl haben wir anscheinend nicht, es gibt weder Bemos noch Busse. Auf dem Weg in die Stadt hat man einen tollen Blick auf die Bucht in der Bima liegt und auf den Vulkan Tambora, der 1815 durch den gewaltigsten Ausbruch seit ca. 27.000 Jahren das Wetter der ganzen Welt verändert hat (“das Jahr ohne Sommer”).

Bima hat fünf Hotels, wie uns auch der Taxifahrer bestätigt. Zwei sind furchtbar teuer für indonesische Verhältnisse (400.000 Rupiah und mehr) und eins davon ist außerhalb der Stadt, also versuchen wir es zunächst mit den drei günstigen in der Stadt. Die sind allerdings mehr als furchtbar – das eine, obwohl neu, stinkt zum Himmel und das andere lehnen wir nach folgender kurzer Konversation dankend ab:

Timo: “Hot shower?” – “No shower”.
Timo: “Cold shower?”- “No shower”. Stirnrunzeln. Blick ins Bad: Keine Dusche. Nur so eine Schöpfkelle für die Toilette genannt “mansy”). Nein danke. Terimah kasih und dada (indoensisch für “byebye”). Das dritte günstige Hotel hat kein Zimmer frei.
Also ab ins teure “Marina Hotel”. Und erstmal was essen. Im Hotel sagt man uns es gibt unweit vom Hotel einen traditionellen Markt. Also tappen wir im Dunkeln durch diese Stadt, denn es ist grade Stromausfall. Aber den Markt finden wir nach etwa fünf Minuten gemäß der Beschreibung nahe des KFC (!) und in der Nähe des Sultanspalastes. Hier gibt es das übliche nasi goreng, ayam goreng, tempura, gado gado und vieles mehr zu sehr günstigen Preisen. Nur andere Touristen, die gibt es (entgegen der Behauptung einer Frau mit der wir uns beim Abendessen unterhalten) hier nicht.
Zurück im Hotel sind wir immer noch ratlos, was man hier tun kann. Irgendwas muss es ja hier anzuschauen geben! Das Hotelpersonal ist insofern nicht besonders hilfsbereit, es zuckt nur mit den Schultern. Unser Taxifahrer Amir hingegen zählt auf: Den Sultanspalast, zwei Strände (Colour (?)Beach und Lawata Beach) und einen dritten “Strand” mit Fressbüdchen an dem wir auf dem Weg vom Flughafen vorbei gekommen sind. Außerem sagt er noch “weaving” und “traditional houses”. Als ich frage wo man Webkunst oder traditionellle Häuser sehen kann, hat er dafür allerdings keine Antwort.

Also geht es am nächsten Morgen erstmal zum Sultanspalast, der ist ja um die Ecke. Noch bevor wir das Gebäude betreten haben erfahren wir, wie es sich anfühlen muss ein Superstar zu sein. Bei unserem Anblick brechen etwa 15 junge Schulmädchen in weißen Kopftüchern mit roten Plastikblumenkränzen auf dem Kopf (was auch immer das bedeutet) in hysterisches Kreischen aus und rennen uns entgegen. Das uns hier jeder mit “hallo mister”, “hallo miss”, ganz cool “hey guys”  oder einfach “welcome” anspricht kennen wir schon von anderen Inseln, nirgendwo ist es allerdings so extrem wie hier. Schon auf dem Weg zum Sultanspalast haben wir mehrerer Hände geschüttelt und uns ein paar Mal erklären müssen wie es uns geht, wo wir herkommen und wo wir hin wollen. Jetzt schreien 15 Mädchen gleichzeitig “how are you”, “where are you from” und wieder “how are you”. Geduldig beantworten wir die Fragen der netten Mädels, die augenscheinlich völlig aus dem Häuschen sind, das es Touristen in Bima gibt, und sind die nächsten zwanzig Minuten mit etwas beschäftigt, was man in der Modebranche als “Fototermin” bezeichnen würde und wofür man dort eine Stange Geld erhalten würde. Nachdem mehrere Fotos von uns mit der Gruppe in unterschiedlichen Konstellationen, einzelnen Mädels mit uns oder uns einzeln, paarweise mit uns und schließlich ein Foto nur von uns als Pärchen geschossen wurde, “erlöst” uns die Museumswärterin und führt uns zum Eingang des “Palastes”.

Der Eintritt kostet 3000 Rupiah pro Person, etwa 25 cent. Der “Palast” ist ein heruntergekommenes Haus, erbaut erst 1927 und recht europäisch aussehend.
Die übereifrige und extrem freundliche Museumswärterin führt uns in gebrochenem Englisch durch die Räume und gibt mit militärischer Bestimmtheit  zu jedem einzelnen Gegestand eine Erklärung ab. Wir verstehen höchstens jedes zweite Wort, nicken aber nach jeder vorgebrachten Erklärung bedeutungsvoll und sagen respektvoll “ah” oder “oh”. Mit uns turnt auch die kleine Tochter der Museumswärterin durch das Museum, die anscheinend gern Modell steht, denn sie möchte, dass man vor jeder “Sehenswürdigkeit” ein Foto von ihr schießt. Die Möbel sehen aus wie die, die ihr von eurer Oma geerbt habt, denn der Sultan hatte offensichtlich einen Faible für westliche Einrichtungsgegenstände – er hatte sogar eine westliche Toilette. Darüber hinaus gibt es eine Menge Karaffen, Schachteln für Betelnüsse und kurze und lange Schwerter zu sehen, außerdem verblichene Fotos vom letzten Sultan und seiner Familie und irgendeinem Japaner, dessen Bedeutung wir nicht verstanden haben. Wirklich interessant finden wir nur die handgeschriebene Auflistung der Alphabete der verschiedenen Sprachen Indonesiens, wohl von Thomas Stamford Raffles persönlich verfasst, dem Gründer der Stadt Singapur, dem wir zuerst in Georgetown (Penang), Malaysia “über den Weg gelaufen” sind. Dieser englische Marco Polo war echt überall! Die Museumswärterin hat auch eine Antwort darauf, wo es traditionelle Häuser zu sehen gibt: In Uma Lengge und Wawo.  Wir bedanken uns und brechen auf.
In der Straße die zum Palast führt gibt es einen schockierend hippen Klamottenladen namens “log.in” für Männer, in dem Timo sich vier coole T-shirts kauft, jedes für weniger als 10 Euro.

Wenn ich mit einem nicht gerechnet hatte, dann damit, dass wir in Bima shoppen würden. Wir können uns die Existenz dieses Ladens in dieser Stadt, in der es sonst nichts gibt, sogar nur wenige Restaurants, auch wirklich nicht erklären. Vielleicht hängt es damit zusammen dass Bima eine Universitätsstadt ist? Vor dem Laden fallen mir dann auch ein paar Mädels auf, die extra cool in boyfriend jeans und mit Cappie und natürlich ohne Kopftuch rumlaufen. Also doch nicht alles so streng hier.

Im Hotel gibt man uns Auskunft, dass es einen Bus nach Wawo gäbe. Ein Moped zu mieten, wird uns mitgeteilt, ist nicht möglich. Wir wollen aber doch auf eigene Faust etwas die Gegend erkunden! Frustiert laufen wir zum Busbahnhof und fragen zwischendurch wahllos Leute, wo man ein Moped mieten kann. Alle schütteln mit dem Kopf. Im Honda-Moped-Laden werden wir ausgelacht. “Only buy”. Ja, nee. Am Busbahnhof erfahren wir das der nächste Bus erst um 4 fährt, also in zweieinhalb Stunden. Als wir unseren Taxifahrer-Freund Amir anrufen sagt er es kostet 300.000 Rupiah hin und zurück und ist zu Verhandlungen auch nicht bereit. Das ist uns zu teuer, denn das Dorf liegt nur etwa 15 km entfernt. Wir wollen schon aufgeben, als wir einen netten Busunternehmer treffen, der uns anbietet uns das Moped seiner Schwester zu vermieten. Gegen einen Führerschein als Pfand und 125.000 Rupiah, also acht Euro und recht viel für ein Moped (ungefährt drei mal so viel wie sonst) nehmen wir dankend an und holen gemeinsam mit unserem neuen Freund die steinalte Hondamühle am Haus der Schwester ab. Hierzu dringen wir tief in ein Wohngebiet ein, komplett mit kleinen Lädchen und Friedhof. Jetzt geht die Begeisterungswelle ob unserer Ankunft erst richtig los: Alle scheinen draußen auf der Straße zu sitzen und jeder sagt uns “hallo” und “hey miss”, zeigen uns den Daumen hoch oder wollen, dass wir ein Foto von ihnen machen und ihnen high five geben. Fehlt eigentlich nur eine Laola Welle. Wir fühlen uns wie Staatsbesuch. Wer jetzt denkt wir könnten nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen, der hat sich geirrt: Zu zweit auf dem Moped sind wir die Sensation schlechthin und am Straßenrand, auf Mopeds und in Autos drehen sich viele Köpfe nach uns um, winken uns viele Hände zu, hupen uns viele Hupen an.

 

 

Um nach Uma Lengge zu gelangen müssen wir eigentlich nur einer großen Hauptstraße folgen, aber wir nehmen eine Abzweigung durch ein kleines Dorf und sehen hier schon die ersten traditionellen Häuser.

 

Die Holzhäuser stehen auf etwa 1,5m hohen Stelzen und sind durch eine Leiter mit dem Boden verbunden. Der Bereich unter den Häusern ist durch am Hausboden befestigte aber nicht im Erdboden befestigte Latten vor Blicken geschützt – wozu wissen wir nicht. Uma Lenggue hätten wir ohne unsere MapsMe App niemals gefunden und als wir da sind sind wir ein bisschen enttäuscht – das Dorf ist nicht mehr bewohnt, die hier sehr kleinen Häuschen sind verfallen und stehen einsam auf einem Hügel, der über vertrocknete Reisfeldern thront.

 

 

Aber wir fahren einfach die etwa anderthalb Kilometer weiter nach Wawo, wo wir viele bunte Holzhäuser und buntes, fröhliches Dorftreiben vorfinden. Und auch die Landschaft ist hier malerisch – dichtbewaldete, dunkelgrüne Berge im Hintergrund und Reisfelder säumen die Dörfer. Jede Menge störrsche Rinder (die den Weg versperren) und wild aussehende Ziegen gibt es neben unzähligen schwarzen Hühnern ebenfalls. Auch ein paar Katzen sehen wir, aber komischerweise keine Hunde. Wir schleichen auf unserem Moped durchs Dorf und schießen unzählige Fotos bevor wir uns auf den Rückweg machen.

 

 

 

Zurück in Bima machen wir noch einen kurzen Abstecher nach Amahami Beach, wo wir gemeinsam mit der kirchernden Stadtjugend den beginnenden Sonnenuntergang hinter Gunung Tamboro bei einem Saft genießen. Alkohol gibt es in Sumbawa wohl wegen des strengmuslimischen Glaubens nicht.

Auch auf unserer dritten Fahrt durch das Wohngebiet werden wir wieder nahezu bejubelt. Als wir das Moped bei seiner Besitzerin abgeben, verschwindet die erstmal weil gerade der Muezzinruf ertönt. Unser Freund organisiert uns noch eine Busfahrt nach Sape mit Abholung am nächsten Morgen um fünf Uhr früh für nur 30.000 Rupiah. Wir haben eigentlich wenig Lust so früh aufzustehen, aber wenn wir die Fähre nach Labuanbajo, Flores erwischen wollen, haben wir leider keine Wahl.

Am nächsten Morgen um 4:45 Uhr sind wir erstaunlicherweise zu viert im Hotelfahrstuhl. Die anderen beiden Herren sind auf dem Weg zur Moschee. Ich bin fassungslos und kann Gesichtsentgleisungen nur schwer verhindern,  dass Leute tatsächlich freiwillig so früh aufstehen, um beten zu gehen. Bisher war es immer mein Eindruck, dass vom Gesang des Muezzins nur die nicht den Morgenruf gewöhnten Touris aufwachen und alle Einheimischen einfach weiterschlafen. Der Bus ist erstaunlich pünktlich und wir steigen schlaftrunken ein. Wir freuen uns gerade wie gut doch alles geklappthat als der Bus zurück in den Busbahnhof einbiegt- und dort eine hable Stunde bei laufendem Motor stehen bleibt. Ich würd mich ja gern aufregen, aber ich bin zu müde. Frustriert nibblen wir an unserem Frühstück – etwas das im Laden aussah wie eine Nusschnecke, tatsächlich geschmacklich aber nur entfernt und mit viel Phantasie daran erinnert – während uns die Abgase des laufenden Busses ins Gesicht blasen. Bis wir die Stadtgrenzen von Bima hinter uns lassen wird es sechs Uhr morgens. Aber der Nebel über den waldigen Hängen Sumbawas und das neue Florence + the Maschine Album bessern bald meine Laune. Am Straßnrand stehen und laufen kleine Schuljungs in rotbraunen Schuluniformen und Gruppen von Mädchen (ebenfalls in Uniformen) und interesanterweise ohne Kopftuch auf dem Weg zur Schule. Und bald schon wippe ich zu “Whistle” von Sporto Kantes auf meinem Sitz und beneide die Leute, die hinten auf den Pickups drauf sitzen und an uns vorbeirasen. Auf nach Flores!
Anmerkung: Wenn man Uma Lengge googelt kriegt man total tolle Bilder von tollen Häusern (keine Ruinen). Eventuell waren wir also auch nicht dort wo man hin “soll”?

 

Unterkunft: Marina Hotel
Fahrer: Amir, Tel. 0062-(0)852-39758905

 

Netter Busunternehmer: Am Busbahnhof der Laden links neben dem Laden der Handyguthaben vertickt
Sporto Kantes/Whistle:

 

 
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