Eine kleine Zeitreise

Flores, Indonesien
Nach unserem Ausflug in den Komodo National Park beschließen wir, dass wir das Unesco geschütze Dorf Wae Rebo in den Bergen von Flores besuchen wollen. Dazu müssen wir erstmal nach Ruteng fahren. Im Bus dorthin laufen die Scorpions mit “Wind of Change” und wir lachen uns heimlich tot. Dieser Moment hat wirklich Magie! 
 
Take me to the magic of the moment 
on a glory night
where the children of tomorrow dream away
in the wind of change.
 
Die Musik schaltet zu Abbas “Dancing Queen” um, gerade als wir an ein paar Jungs vorbei fahren, die sich mit kleinen Kübeln duschen. Auf den Wahlplakaten am Straßenrand wirbt der mit ausgeprägtem Schnurrbart ausgestattete lokale Politiker “Yosef”  für seinen Wahlkreis. Hier – mitten im  nichts – ist ein Canon-Laden. Mittlerweile läuft im Radio amerikanische Countrymusik. Verrückte Welt!
Wenig später sitzen wir mal wieder auf einem Moped, diesmal in Richtung Wae Rebo. Von Ruteng ist das knapp 50 Kilometer entfernt, man sagt uns die Fahrt dauere mindestens 3 Stunden und ich – in meiner westlichen Naivität – kann das einfach nicht glauben. Das muss doch schneller gehen! Wir fahren durch wunderschöne, riesengroße Täler voller Reisplantagen und kleiner Dörfer. Heerscharen von am Straßenrand spielenden Kindern jubeln und winken uns zu oder stehen Spalier um im Vorbeifahren in unsere Hände einzuschlagen. Jeder Bauer, jede Wäscherin, jedes Mädchen und jeder Junge begrüßen uns, viele rennen hinter unserem Moped her. Manche Frauen schreien grell lachend auf und schlagen sich auf die Schenkel, nach dem Motto “Meine Güte ist das verrückt, zwei Ausländer auf einem Moped, hier bei uns”. Und so fahren wir freudig durch die die traumhafte Landschaft aus nebligen Bergen, sonnenbeschienenen Dörfern und auf dem Feld arbeitenden Bauern.
Die Straße ist dafür weniger traumhaft, mehr Loch als Straße. Slalomfahren ist eine Untertreibung sonder gleichen für das was wir hier machen. Für die Fahrt müsste Timo danach einen extra Straßenlochumfahr-Führerschein ausgehändigt bekommen, denn das ist eine echte Prüfung seiner Mopedfahrfähigkeiten. Dreieinhalb Stunden später sind wir immer noch nicht in Dengge, dem Dorf von dem aus wir nach Wae Rebo wandern wollen. Denn nach Wae Rebo  führt keine Straße, sondern nur ein schmaler, etwa 8 Kilometer langer Weg bergauf durch einen dichten Wald. Zu spät kommen wir aber in Dengge an – die Zeit wird nicht mehr reichen um vor Einbruch der Dunkelheit im Dorf zu sein und im Dunkeln wollen wir ungern alleine in diesem fast unbewohnten Wald herumstiefeln. Wir entschließen uns daher in der Wae Rebo Lodge im Weiler Dintor kurz vor Denge zu übernachten. Süße Bungalows thronen am Anfang eines Hanges, von dem man über friedliche, sattgrüne Reisfelder schaut. Der Blick von der Terrasse reicht bis zum Meer und sogar bis zu den Bergen auf der nächsten Insel. Es ist hier unendlich friedlich. Die Zimmer sind zwar sehr sehr einfach (Plumpsklo, keine Dusche, nur abends ein paar Stunden Strom) aber sauber und wir fühlen uns hier wohl. Entspannt beobachten wir von unserem Sitzplatz vor dem Bungalow aus einen Hahnenkampf im Hof nebenan und  gehen friedlich schlafen.
 
 
Am nächsten Morgen um fünf Uhr in der Wae Rebo Lodge:
“Timo?” – “Ja.”
“Kannst du mal bitte die Tiere ausschalten?”
Dutzende Hähne, hunderte Grillen, mehrere Vögel, ein paar Kühe, einige Schweine und das Geräusch eines uns unbekannten Tieres (vielleicht ein Gecko??) erlauben es uns nicht, weiter zu schlafen. Aufstehen lohnt sich auch nicht, denn draußen ist es noch dunkel und es gibt hier ja keinen Strom. Im Dunkeln Duschen ist auch doof. Ginge aber auch eh nicht, es gibt ja keine Dusche. Also bleiben wir liegen und bereiten uns auf unsere nächste Harikiri Aktion vor: Da wir es am Vortag nicht mehr bis nach Wae Rebo geschafft haben, wir aber in einigen Tagen einen Flug von Ende am anderen Ende (Haha) der Insel haben, müssen wir heute erst in einem Affenzahn 8 Km den Berg hoch laufen (unsere Zeit: 2:15 h), uns schnell oben umschauen, den Berg wieder runter rennen (2 Stunden) und dann zurück nach Ruteng fahren, bevor es um 18 Uhr dunkel wird. Eine Übernachtung in Wae Rebo kommt für uns daher anders als geplant leider nicht mehr in Frage. Aber wer konnte schon ahnen, dass man tatsächlich 4 Stunden für 50 Kilometer brauchen kann? 
Der Berg ist extrem steil und etwa die ersten 3 Kilometer bestehen aus groben Steinen, die das laufen nicht eben erleichtern. Sobald wir im Wald sind ist es, als wären wir durch die geheime Tür nach Narnia gelangt. Der kleine Waldweg zum Dort ist dicht gesäumt von unbekannten Bäumen und riesigen Bambussträuchern. Über uns in den Baumwipfeln tümmeln sich zahlreiche Vögel, Affen und andere Tiere – wir hören sie nur, zu sehen bekommen wir keines. Ein lustiger Vogel macht immer wieder dieselben Computergeräusche. Es würde uns nicht wundern, wenn wir um die Ecke kämen und plötzlich ein alter Desktop-PC mit Lautsprechern mitten auf dem Weg stünde. Am Wegesrand sehen wir immer wieder größere Haufen von etwas das aussieht wie meterdicke Bündel ewiglanger, dunkler Tierhaare und wir fragen uns, was für Tiere hier in den Bäumen rumspringen, die solche langen Haare haben. Ab sofort schauen wir uns etwas wachsamer um. Und plötzlich teilen sich die Baumwipfel und der Blick auf Wae Rebo ist frei gegeben: Zylindrige Hütten erheben sich auf einer kleinen Lichtung aus dem Nebel, umgeben von nichts außer Wald und Bergen. Der Anblick ist fremd und wunderschön.

Im Dorf angekommen nehmen wir zuerst an der Begrüßungszeremonie teil. Die Bewohner des traditionellen Ngada Dorfes glauben, dass auch ihre Vorfahren immer noch mit ihnen im Dorf wohnen. Die christliche Missionierung hat sich da scheinbar nur in Vornamen niedergeschlagen – die Wae Reboer haben ausnahmslos   christliche Vornamen wie Maria, Benjamin und Josef. Um sie durch unsere Anwesenheit nicht zu verärgern, geben wir, wie uns das aufgetragen wurde, der Frau vom “Häuptling” (dem Dorfältesten), die ich insgeheim Gutemine nenne, die aber eigentlich Katharina heißt, etwas Geld für die Geister. Sie stellt uns den Geistern vor und erläutert was die Besucher – also wir – im Dorf so vorhaben. Offensichtlich haben wir vor, was alle hier machen, denn sie trifft mit ihrer Ankündigung den Nagel auf den Kopf:  Wir wollen Kaffee trinken, essen, rumlaufen und fotografieren. Anschließend bittet sie die Geister darum, sich durch uns nicht stören zu lassen. Na das ist zweifellos in unserem Interesse. Wir nicken wiederholt freundlich und ich fühle mich ein bisschen wie betäubt. Irgendwie ein irres Gefühl in dieser Hütte zu sitzen, in der eine alte runzlige Frau todernst mit den Geistern spricht, als wär da absolut nichts dabei. Wir sprechen nur leise um die Geister nicht zu ärgern und bewegen uns vorsichtig durchs Dorf. Die runden, spitzen Hütten, die ohne einen Nagel zusammen gehalten werden und nur aus Bambus und Palmblättern bestehen, sehen aus wie aus einem Dokumentarfilm.

Die Bündel von “Haaren”, über die wir uns auf dem Weg hoch gewundert haben, sind die Palmblätter, die für die Dächer benutzt werden.  Ich bin ein bisschen erleichtert, dass es hier nicht so viele Tiere mit derart langen Haaren gibt, auch wenn ich mir wirklich nicht erklären kann, wie aus Blättern solche haarartigen langen Fäden werden. In der Wohnhütte für Besucher sind innen entlang des Daches Bastmatten ausgelegt. Auf diesen schläft man, wenn man hier übernachtet. Erschöpft lassen wir uns auf die Matten sinken und es wird uns selbst hergestellter Kaffee angeboten. Aber die Bastmatten sind überraschend bequem und Timo schläft sofort ein. In der Zwischenzeit lerne ich eine supernette Singapurianische Familie kennen, die ausweislich der Berichte des Vaters ungefähr alles an der einen Nacht in Wae Rebo – die Ruhe, das Duschwasser, den Kaffee –  “quite something” fanden, wie uns der indischstämmige Vater begeistert erklärt. Wie den Geistern angekündigt schießen wir jede Menge Fotos und machen ein paar kurze Videos.

Das die meisten Menschen, die hier rumsitzen, nicht wirklich in diesem Dorf wohnen, sondern frühmorgens den weiten Weg auf den Berg steigen stört uns nicht. Die alten Frauen mit den runzligen, zahnlosen und vom Betelnuss kauen roten Mündern wohnen ganz offensichtlich noch hier. Sie sind nicht so begeistert über die Touristen, auch das ist offensichtlich. Sie gehen einfach Ihren Tagesgeschäften nach, trocknen auf ausgebreiteten Tüchern Kaffee  in der Sonne oder waschen Wäsche. Die Kinder spielen Fangen, ein Junge heißt “Selfie” was mich sehr amüsiert. Ich kann nicht umhin zu denken, dass diese Kinder wohl eine glücklichere, ungestörtere Kindheit haben als viele westliche Kinder heutzutage. Aber zu Hause würde man sagen: “Aber sie haben doch keine Möglichkeiten dort, keine Schule, keine Perspektive”. Aber wofür braucht man Perspektive wenn man schon glücklich ist? Vermutlich nur deshalb weil die Modernisierung nirgendwo halt machen wird – auch nicht vor Wae Rebo, UNESCO hin oder her – und diese Ruhe nicht für die Ewigkeit bestimmt ist, vermutlich nur deshalb müssen auch diese Kinder die Bildung, die wir kennen, erhalten. Wohl deshalb gehen auch sie unten im Dorf in die Schule.

 Auf dem Weg runter nach Dengge ist auf dem Berg ganz schön viel Verkehr. Kleine Jungs mit Schulrucksäcken auf dem Rücken oder Säcken Reis auf dem Kopf strömen in Scharen in schnellen Schrittes den Berg hoch. Die Kinder sind fit! Hier hat keiner Gewichtsprobleme. Die Mädchen tragen an den Füßen zusammen gebundene lebende Hühner Kopf über den Berg hoch, manche Jungs tragen Messer, die fast größer sind als sie selbst – weiß Gott wozu. Die Kinder freuen sich uns zu sehen und so gehen wir beschwingt mal durch Nebel mal im Sonnenschein durch den Wald den Weg herunter. 

 

Auf der Fahrt zurück nach Ruteng müssen wir uns beeilen. Wir fahren so schnell wir können (oft sind das nur 15 km/h) den Berg hinauf, durch die Dörfer voller Volleyball spielender Frauen, Fußball spielender Jungs, vorbei an Feldarbeit und spielenden Kindern, durch die Reisfelder und vorbei an Wasserbüffeln, Hunden und Katzen und unzähligen Hühnern. Genau mit Einbruch der Dunkelheit kommen wir mit schmerzenden Rücken und Ärschen endlich in Ruteng an. Was für ein Trip! Es war anstrengend – aber eines unserer besten Erlebnisse auf unserer Reise bisher!! 
 
Unterkunft: Kongreasi Santa Maria
Moped Verleih: Hotel Rumi

Route: Ruteng – Iteng (ausgeschildert) – Dintor (Wae Rebo Lodge) – Denge (Homestay Mr. Blasius) – Zu Fuß nach Wae Rebo (ausgeschildert) mindestens 2,5 h ein Weg (8 Km)

http://wikitravel.org/de/Wae_Rebo#Anreise

 

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