Farewell 2020 – We’re still standing!

Ein Rückblick über das Jahr 2020 erscheint schwierig, ja fast unmöglich, wie soll man schon ein Jahr einer weltweiten Pandemie zusammenfassen? Vielleicht ist das Schwierige aber nur die Angst davor in die Tiefe, in den Abgrund zu schauen, die allgemeine, alltägliche Angst davor zu fühlen, was ist. Ist es nicht immer einfacher auf der Oberfläche zu bleiben und nicht einzutauchen in die eigene Gefühlswelt? Letztes Jahr um diese Zeit haben wir uns alle gefreut, auf ein neues Jahrzehnt, die nächsten glamourösen Zwanziger, die doch so viel glamouröser werden MÜSSEN, als vor einem Jahrhundert – zumindest hier bei uns, leben wir doch mit mehr Geld und Freiheit und Wohlstand und letztlich auch in größerem Hedonismus als jemals zuvor. Wie immer hat sich die älteste aller Bauernweisheiten bewahrheitet und das Leben hat unsere gloriosen Pläne durchkreuzt.

Ich könnte mich jetzt seitenweise darüber auslassen, wie ätzend das Jahr 2020 war, wie groß der Kontrast zwischen Realität und Vorstellung, zwischen vorher und nachher. Aber ich habe keine Lust mich selbst frustrieren hier an meinem Küchentisch am letzten Tag des Jahres. War ich einsam im letzten Jahr? Ja, sicher, ständig. War das letzte Jahr psychisch und physisch anstrengend, unbedingt. Hatte ich Angst, wahlweise davor Menschen zu nah zu kommen oder nicht nah genug? Ständig. Aber habe ich mich in diesem Jahr weiterentwickelt? Ja, ja und nochmal ja.

Ich habe das Gefühl in diesem Jahr mehr über mich selbst gelernt zu haben, als jemals in so kurzer Zeit. Allerhöchstens meine Reise auf dem Jakobsweg kommt annähernd an diese Erfahrung der Selbsterkenntnis heran. Ironischerweise erscheint mir das nun hinter uns liegende Jahr, in dem ich mich so wenig physisch bewegt habe wie glaube ich zuletzt als Teenagerin, jetzt rückblickend als eine große Reise. So hat es sich unterwegs wirklich nicht angefühlt. Ich habe so viel über mich selbst gelernt in dieser Krise, dass ich am meisten darüber staunen muss, wie wenig ich eigentlich vorher über mich selbst wusste. Ich dachte zum Beispiel immer, dass ich einen inneren Konflikt führe zwischen dem Bedürfnis viele Leute zu treffen und mich zurück zu ziehen. Turns out, ich brauche täglich den Kontakt mit mehreren – the more the merrier – anderen Menschen, völlig gleich in welcher Beziehung ich zu ihnen stehe. Aber es müssen möglichst viele sein. Kolleg:innen, Freund:innen, Bekannte, Passant:innen im Supermarkt, in der Drogerie, in einer Bar. Ich bin gerne unter Menschen. Ich habe mich so oft über die Hintergrund Geräusche im Büro beschwert, das laute Telefonieren von Kolleg:innen und und und – jetzt fehlt es mir. Ich hatte das Gefühl ein Privileg aufzugeben als ich vom schicken Einzelbüro im neuen Mini-Büro mit zwei Kolleginnen einzog. Nun stellt sich heraus, dass dies ein Grund ist, warum ich mich im aktuellen Job so viel wohler fühle als all die Jahre vorher. Aber das ist nur ein Beispiel. In einem Online Kurs zu echter zwischenmenschlicher Verbindung habe ich eine internationale Community gefunden – bei mir zu Hause, auf der Couch! – in der ich mich so wohl und so beheimatet fühle, dass mir das Herz aufgeht, wenn ich nur das Tara Logo sehe. Und in diesem Kurs habe ich nicht nur jede Menge neue Seelenverwandte gefunden (und ich meine das so) sondern auch so viele Dinge über mich herausgefunden, dass ich immer noch fassungslos bin, wieso mir das vorher alles nicht bewusst war. Zum Beispiel habe ich mich jahrelang als sehr analytischen Kopfmenschen gesehen, dabei stellt sich heraus, dass ich ein wahnsinnig emotionaler Mensch bin, der nur gelernt hat seine Gefühle zu unterdrücken, ständig. Vielleicht aus Angst diese Masse an Empfindungen zu fühlen, aus Angst es könnte zu viel sein für eine Person. Sehr hilfreich im Job diese Fähigkeit, aber privat? Not so much. Auch habe ich gelernt, dass Reisen nicht mein Hobby ist – die Bewegung im Raum, die Erkundung alles Neuen ist meine Essenz. Ich fühle mich in einem neuen unbekannten Umfeld am wohlsten. Die Flughafenshuttles und Bahnhöfe dieser Welt sind mein Zuhause. Das sind wohl die Gene meines Urgroßvaters, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Jerusalem gereist ist und darüber ein Buch geschrieben hat. Was für ein Wahnsinns-Abenteuer, ich bin ganz neidisch, besonders dieses Jahr! Auch kreativ habe ich an mir gearbeitet, strecke meine Fühler in alle Richtungen aus – Musik machen und Schreiben, Malen und Zeichnen, ja sogar Sticken und natürlich ganz viel am Roman gearbeitet. Trotz aller Widrigkeiten habe ich eine wunderschöne Reise nach Venedig unternommen. Und last but not least habe ich mir eine Wohnung gekauft und mit viel Liebe eingerichtet. Damit habe ich mich für Köln als meine Home Base entschieden, aber das soll mich nicht davon abhalten anderes Leben anderswo zu erkunden.

Das sind nur Ausschnitte aus meiner Reise, die noch andauert und deren Ziel mir nicht bekannt ist. Sind das nicht die besten Reisen? Manchmal denke ich, vielleicht war diese Pandemie notwendig, damit wir alle mal erkennen, wie oberflächlich diese Welt heutzutage ist. Damit wir innehalten und uns auf das besinnen was wichtig ist: Gesundheit und echte zwischenmenschliche Verbindung. Viele behaupten ja der Virus sei eine Antwort auf die Klimakrise, ich behaupte der Virus ist eine Antwort auf unseren Hedonismus. Ein Weckruf zurück zu menschlicher Gemeinschaft zu finden. Auf dass wir uns nicht mehr sinnlos mit Halbfremden über Belanglosigkeiten austauschen, sondern über die Dinge reden, die uns wirklich bewegen und danach handeln.

Nun, euer Jahr mag ganz anders abgelaufen sein, eure Reise eine andere. Aber ich bin davon überzeugt jeder von euch hat etwas entdeckt im letzten Jahr. Habt ihr eine neue Eigenschaft von euch kennengelernt, ein Instrument zur Hand genommen oder realisiert, dass ihr beruflich einen anderen Weg einschlagen wollt? Alle Erkenntnisse sind positiv, wenn man daraus eine Konsequenz zieht.

Eigentlich würde ich nun Hermann Hesses „Stufen“ zitieren, aber es ist doch etwas abgedroschen für Neuanfänge (ich liebe es trotzdem). Deshalb möchte ich euch ein anderes Hesse Gedicht mit auf den Weg für die nächste Reise geben: „Gestutzte Eiche“, da ich finde, es passt ganz gut zu diesem Jahr. Mit diesem Gedicht wünsche ich euch einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr. Möge 2021 besser werden!

Eure Theresa

Gestutze Eiche

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten,
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

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