Jakarta – Moloch No. 1

Java, Indonesien
Auf den ersten Blick ist Jakarta so gar nicht wie ich es mir vorgestellt habe. Auf dem Weg vom Flughafen sitzen wir in einem Shuttlebus, der mit W-Lan ausgestattet ist und fahren an glitzernden Glashochhäusern vorbei, todchic und modern, fast wie Singapur.

Aber schon eine halbe Stunde später, als wir mit einem Tuktuk in einer dunklen Gasse nahe des Bahnhofes Jakarta Korta ankommen, bestätigt sich meine Vorstellung dieser Stadt. Ich bin froh, dass ich hier nicht alleine absteigen muss. Die Gasse ist dunkel, unglaublich dreckig und es stinkt. Irgendwie muss ich bei überwältigendem Gestank ja immer an Indien denken…naja ganz so schlimm ist es hier dann doch wieder nicht. Das Hostel ist dagegen erstaunlich hell und freundlich, wir werden mit der für Javanesen üblichen geradezu übertriebenen Freundlichkeit empfangen und fühlen uns gleich wohl. Jedenfalls im Hostel. Hinter dem Bahnhof gibt es an einem Essensstand für umgerechnet 1 Euro Hühnersuppe und Huhn mit Reis. Ich habe die dunkle Vorahnung, dass es nun bald vorbei ist mit übersetzten Speisekarten und entschließe mich daher mir zumindest mal das indonesische Wort “Ayam” zu merken – Hühnchen. Dann stochere ich unter der Beobachtung des “Restaurant”-Besitzers lustlos in meiner Suppe rum, in der ein Haufen undefinierbares Zeug schwimmt, inklusive einem Hühnerbein. Ich hasse undefinierbares Zeug in meiner Suppe und stelle mich daher seufzend auf harte Zeiten ein.

 

Noch am selben Abend erfahren wir, dass indonesische Feiertage unserer Spontanität einen Strich durch die Rechnung machen. Es sind Schulferien dank Christi Himmelfahrt  und einem uns unbekannten muslimischen Feiertag, und das ganze Land ist auf Reisen. Heißt 280 Millionen Menschen haben jetzt Ferien. Heißt im Klartext: Alle Zugfahrkarten sind ausverkauft, Flüge teuer. Da unser nächstes – eigentliches – Ziel Yogjakarta sein soll und ein Bus dorthin 14 Stunden bräuchte, worauf wir wenig Lust haben, beschließen wir also in Jakarta zu bleiben bis es Zugfahrkarten nach “Yogja” gibt. Wir sind in diesem Moloch gefangen.
Gerade im Vergleich zu Singapur ist der Unterschied besonders krass. Der Großraum Jakarta beherbergt 30 Millionen Menschen und ist damit der zweitgrößte Ballungsraum der Welt. Und so sieht es hier auch aus. Die Stadt ist vor allem eins: Überfüllt. Die Luftverschmutzung ist kaum zu ertragen, mein Husten entwickelt sich hier zu einer ausgewachsenen Bronchitis. Die vielen Flaschen Mucosolvan die ich in mich rein kippe helfen da auch nix, der Dreck will einfach wieder aus der Lunge raus. Der Verkehr ist unglaublich chaotisch, laut und gefährlich, jeder fährt einfach wo er will, vor allem die Mopeds. Vor dem neuen Hotel was wir beschlossen haben uns zu gönnen, wenn wir schon hier festhängen, kommen wir kaum über die Straße, weil ständig von allen Seiten Mopeds kommen und direkt vor dem Hotel eine Kreuzung aus fünf Straßen liegt. Diese Stadt wird noch ein paar Jährchen brauchen um sich selbst zu modernisieren. Dafür sind die Menschen hier unglaublich nett. Ich hatte es ja nicht für möglich gehalten – aber die Javaner sind tatsächlich noch netter als die Malaysier. Zuerst sind wir etwas irritiert, dass wir ständig von Menschen mit “Hello Mister” und “How are you” angesprochen werden und fürchten man wolle uns was verkaufen. Später lese ich, in Java gehöre es zum guten Ton extrem freundlich zu Fremden zu sein. Daran halten sich die Menschen anscheinend auch.
Indonesien war für mich bisher ein unbeschriebenes Blatt. Außer, dass Bali dazugehört und man dort Surfen kann wusste ich zugegebenermaßen wirklich gar nichts über dieses Land. Eigentlich sind wir ja auch nur hier gelandet, weil Wikipedia behauptet hat, in Kambodscha und Myanmar sei es um dieses Jahreszeit zu heiß. Umso erstaulicher finde ich, dass dieses Land über das ich so gar nichts weiß, so riesig ist und eine so riesige Bevölkerung (280 (!) Millionen Einwohner) hat. Indonesien beherbergt die größte muslimische Bevölkerung der Welt (!) und auf den über 17.000 Inseln werden über 700 Sprachen gesprochen. Angeblich geht mit jeder Sprache auch eine andere Kultur einher. Und dieser Haufen Kulturen hat sich nun unter einem gemeinsamen Landesdeckel zusammen gefunden und mit Bahasia Indonesia eine gemeinsame Sprache gefunden. Bahasia wird von ca. 220 Millionen Menschen gesprochen, nur die wenigsten sprechen es allerdings als Muttersprache, denn jeder spricht nach wie vor seine Stammessprache, in der auch teilweise unterrichtet wird. Unglaublich. Das Nationalgefühl ist mit Ausnahme von Papua (das eigentlich unabhängig sein will) mittlerweile stark behauptet der Lonely Planet – das werden wir überprüfen. Ebenfalls sehr interessant finde ich, dass diese größte muslimische Bevölkerung der Welt angeblich noch moderater ist, als die malayische. Die Indonesier haben sich 2011 in einer Volksabstimmmung ausdrücklich gegen die Einführung der Sharia, der strengen muslimischen Gesetze, ausgesprochen und zur Zeit gibt es keine Partei oder Gruppierung, die die Einführung noch fordert. Einzig in der Gegend um Aceh auf Sumatra wurde die Sharia eingeführt. Dort muss man sich als Tourist also vorsehen, denn “nuttenhaftes Aussehen” (= kurze Hosen und Tanktop) und öffentliche Zärtlichkeiten wie Küssen und Händchenhalten können mit Schlägen bestraft werden. Sogar öffentliche Hinrichtungen gibt es – willkommen im Mittelalter Asiens! Ein Glück, dass wir uns Sumatra gespart haben! Aber Indonesien ist auch insgesamt nicht ganz zimperlich – für Drogenschmuggel gibt es Todesstrafe und die Indonesier zögern nicht, diese auch an Ausländern zu vollziehen, wie zuletzt an einer Gruppe Australier, die als die “Bali Nine” bekannt wurden. Die beiden Anführer wurden für den Schmuggel von etwa 8 Kilo Heroin im Wert von 3 Millionen US Dollar erst zwei Wochen vor unserer Ankunft hingerichtet.
Dass die meisten Muslime hier aber wirklich sehr moderat sind merkt man allein an der Kleidung. Burqas sieht man kaum und auch längst nicht alle Frauen tragen Kopftuch. Das Gebot des Verhüllens wird laut Lonely Planet in Indonesien nicht so ernst genommen, und viele jüngere Frauen tragen eher eines neuen Trends zufolge Kopftücher. Aber diese sind fast immer bunt und ihrer Trägerinnen lächeln mich auch in kurzen Hosen freundlich und neugierig an und grüßen – für mich ein Zeichen, dass sie meiner Kleidung keine missbilligende Bedeutung beilegen. Das finde ich dann in Ordnung. Wenn jemand ein Kopftuch tragen will um damit seine religiöse Zugehörigkeit zu demonstrierren, warum nicht? Als Christ hängt man sich ja auch gern mal ein Kreuz um den Hals. Solange auch die Frauen selbst entscheiden können kann meinetwegen jeder auf- oder anhaben worauf  er oder sie Lust hat.
Jakarta hat nicht viele Sehenswürdigkeiten, vor allem nicht für die Größe dieser Stadt. Wir besuchen das – ausgesprochen hässliche – Freiheitsdenkmal MONAS und das aufregendste ist daran, dass wir von einem Polizisten über die mehrspurige Straße dorthin gebracht werden – er hält sogar den Verkehr an – da es scheinbar mehr als ungewöhnlich ist, dorthin zu laufen. Vor dem Denkmal selbst werden wir wieder unglaublich oft angesprochen und stehen ein paar Mal Fotomodell mit ein paar besonders neugierigen Indonesierinnen bevor wir den heruntergekommmenen Park schleunigst verlassen. Das Museum Nacional – laut unserem Buch das einzige “must-see” in Jakarta, hat wegen des Feirtages geschlossen. Das im Internet hochgelobte ehemalige niederländische Viertel  Kota (früher Batavia) sieht aus, als wollte jemand demonstrieren, dass es noch molochiger geht als im Rest der Stadt.

Die Holländer haben damals zu ihren Kolonialzeiten überall Kanäle gebaut und die sind mehr oder weniger das einzige was aus deren Zeiten noch übrig ist. Das mit den Kanälen war sicherlich auch gut gemeint. Leider sind sie heute total zugemüllt und stinken mehr als der Ganges (und ich weiß wovon ich rede). Amsterdam gone bad. Der Gestank ist eine derartige Zumutung, dass wir schnell zur Wasserkante des Hafes flüchten, wo es angeblich noch schöne alte Kolonialstilhäuser gibt. Aber es wird nur noch schlimmmer, wir kommen uns vor als will uns da jemand auf Tripadvisor gezielt rein legen. Nach einer zugegeben schönen alten Kolonialkirche (Catholic Cathedral) gegenüber der bestechend hässlichen riesengroßen Moschee, in deren Kirchenschiff etliche Vögelchen zwitschern, geben wir auf und ziehen uns aufs Dach unseres Hotelpools zurück, wo wir fieberhaft nach Möglichkeiten suchen diesen Moloch der Moloche möglichst bald zu verlassen.

Aber wenn wir schon mal da sind können wir ja wenigigstens ein paar Dinge erledigen und so werden Sachen gewaschen und wir statten der Botschaft von Timor-Leste einen Besuch ab, dahin wollen wir nämlich später während unserer Reise noch. In Deutschland wurde uns gesagt es wäre besser die Visaangelegenheiten in Indonesien zu klären. Erstmal mussten wir die Botschaft aber finden, es ging nämlich niemand ans Telefon und auch auf Emails reagierte keiner und das Büro war offensichtlich umgezogen. Nach einigem entnerften Suchen in glühender Hitze und neben vielspurigen Straßen kommt mir ein Hyatt sehr entgegen – hier hilft der wie immer zuvorkommende Concierge die neue Adresse ausfindig zu machen und berät uns wo wir hin müssen. Ich liebe fünf Sterne Service! Und ich liebe es dass in Asien immer alle teurern Hotels denken, dass alle blonden Frauen potentielle Gäste sind. Wir gehen also aus dem Hotel und um die Ecke und steigen dort in einen öfffentlichen Bus ein, die Fahrt kostet umgerechnet 35 Cent, für uns beide. Ein paar Straßenmusiker mit Ukulele und Trommel sind auch an Bord – so machen bürokratische Gänge Spaß! In der Botschaft erfahren wir leider, dass es so einfach wie wir uns das vorstellen nicht ist – wir müssen uns vorher an der indonesischen Grenze auf der Insel Timor bei einem weiteren Büro Timor-Lestes melden. Oder rein fliegen. Das wollen wir  eigentlich vermeiden. Naja mal sehen, wir entscheiden nur von einem Tag auf den nächsten, Timor-Leste ist am anderen Ende des Landes und das ist weeeeit weg.

 

Unterkunft: Teduh Hostel, Cemara Hotel
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