Dreißig Jahre Einheit

Von der Absurdität der kausalen Zusammenhänge

Am 3. Oktober 2020 wache ich gegen acht Uhr auf. Ich bin noch etwas müde, ich war gestern spät im Bett. Ich trotte ins Wohnzimmer und schnappe mir mein Smartphone. Dann fällt mir ein ich muss einen Rücksendeantrag für die Yogamatte stellen, die zwar wunderschön, aber leider bei der ersten Yogastunde kaputt gegangen ist. Ich rufe also Amazon auf und tippe in meinem Handy rum. Dann stehe ich auf und schaue mir das Chaos in der Küche an. Bald darauf laufen drei Geräte gleichzeitig. Waschmaschine und Spülmaschine tun ihren Dienst. Und der Highend Backofen, auf den ich nicht verzichten konnte, reinigt sich selbst. Die Küche sieht nun ordentlich aus und ist erfüllt von drei verschiedenen Rauschgeräuschen und dem ungewohnten Geruch der Backofen-Pyrolyse – ich habe das nämlich bislang noch nicht ausprobiert. Etwas enttäuscht stelle ich fest, dass man von der Reinigung nichts sehen kann, ich hatte mir ein durch die Scheibe zu beobachtendes chemisches Spektakel in bunten Farben vorgestellt. Da es im Backofen nichts zu sehen gibt, fällt der Blick durch das Küchenfenster in den Garten – „mein Garten“, denke ich. Die Wohnung habe ich vor Kurzem gekauft, hauptsächlich als langfristige Kapitalanlage. Eine für heutige Verhältnisse kleine Wohnung mitten in Köln-Ehrenfeld. Und wie ich mich darüber ärgere, das gestern der Gärtner nicht wie verabredet gekommen ist, um dem Monstrum von Hagebuttenstrauch eine Form zu geben, werde ich mir der Absurdität der Zusammenhänge bewusst. Nein, ich bin definitiv keine Wende-Verliererin.

Auf meiner Geburtsurkunde steht als Überschrift „Geburtsurkunde Deutsche Demokratische Republik“. Das bedeutet, dass für mich am Tag meiner Geburt ein anderes Leben vorgesehen war. Mit einem Beruf, den mir der Staat zugeteilt hätte, einer kleinen Wohnung einer vorgegebenen Größe – einer größeren, wenn ich geheiratet hätte, einer bewachten Mauer um mein Heimatland mit Selbstschussanlagen, einer an zwei Händen abzählbaren Anzahl an potentiellen Urlaubsländern und vielen, vielen Warteschlangen. Warteschlangen vor allem für Geräte, die ich dieses Jahr einfach online bestellt habe. Auf dem Foto seht ihr mich als Kind nach der Wende. Dass ich heute hier sitze, am anderen Ende der wiedervereinigten Bundesrepublik, nachdem ich auf vier Kontinenten gelebt und mehr Länder bereist habe, als die meisten anderen, die ich kenne, das habe ich vielen mutigen jungen Leuten zu verdanken, die für meine Freiheit auf die Straße gegangen sind. Dreißig Jahre lang konnte ich tun und lassen was ich wollte. Anfangs war es schwer – wir hatten in der DDR gar kein, und zu Beginn der BRD sehr wenig Geld. Aber meine reisehungrigen Eltern sind auch als wir Kinder waren mit uns um die halbe Welt gereist, damit wir all das sehen, wovon sie ihr Leben lang nur geträumt hatten. Viele, viele Montage sind sie unter anderem dafür in Leipzig auf die Straße gegangen, haben Kerzen vor Stasi-Gebäuden abgestellt und mitdemonstriert. Auch am 9. Oktober 1989 war mein Vater dabei. Meine Mutter nicht, sie musste im Krankenhaus Betten für potentielle Verletzte frei machen. Das war die Stimmung, alle haben damit gerechnet, dass es einen zweiten Platz des Himmlischen Friedens geben wird, die sog. “chinesische Lösung”, alle haben damit gerechnet, dass der Staat den Demonstranten an diesen Tag mit Gewehrsalven und Panzern entgegentreten wird. Straßenbahnfahrer hatten die Anleitung bekommen, vor Menschenmengen nicht zu bremsen, der Staat die Menschen aufgefordert zu Hause zu bleiben und Verdunklung angeordnet. Es wird berichtet, dass über der Stadt eine unheimliche Stille lag und nun entschied es sich – ging man mit, oder blieb man zu Hause? Man kann sich auf Youtube die heimlich von zwei Berlinern und unter einem unvorstellbaren Risiko für Leib und Leben aufgenommenen Originalaufnahmen dieses Montagabends ansehen. Man sieht dann wie 70.000 Demonstranten durch die Stadt schreiten, entschlossen, voller Kraft, und sie rufen: „Wir sind keine Raudis!“ und „Wir sind das Volk“. Ich kann mir das alles gar nicht richtig vorstellen. Wie es sich anfühlt auf eine Demonstration zu gehen, von der man ausgeht, dass sie blutig niedergeschlagen wird, eine Demo für die vorsorglich Betten in Krankenhäusern frei gemacht und in Kirchen aufgestellt werden, eine Demonstration bei der man nicht weiß, ob man sie überlebt. Wie kann man ruhig in einer Menschenkette Soldaten gegenüber stehen, die zwei Tage vorher noch Demonstranten gewaltsam nieder geknüppelt haben? Der Gedanke beschämt mich, aber – ich weiß nicht, ob ich so mutig gewesen wäre. Bisher war ich nur einmal wirklich demonstrieren – gegen Studiengebühren, es ist lange her. Nutze ich die demokratische Freiheit, die ich gewonnen habe, genug? Das muss ich mich doch jetzt Fragen. Freiheit haben wir bekommen, demokratische Freiheit, aber auch die Freiheit untätig zu sein, zu konsumieren, unglücklich zu sein und zu scheitern. So ist das nun mal im Kapitalismus.

Ironischerweise gibt es Zeiten, in denen ich mich gefangen fühle. In einem Beruf, den ich nun mal erlernt habe und mit dem ich gut verdiene, aber der mir manchmal keinen Spaß macht. Der Gedanke ist fast Hohn. Mein Vater hatte nicht die Wahl, sich auszusuchen, was er studieren wollte, er durfte trotz bester Noten nicht einmal einen höheren Schulabschluss machen – weil er aus einer sehr christlichen Familie stammt. Meine Mutter wollte nicht den für sie vorgesehenen Beruf ergreifen, ist von zu Hause ausgerissen, und hat sich jahrelang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten und den Studienplatz ihres Traumjobs mühsam erkämpft. Gegen Ende der DDR sind sie morgens aufgestanden und haben geschaut, ob alle ihre Freunde noch da sind. Nein, vielmehr, wer von Ihnen letzte Nacht geflohen ist. Ich hingegen kann tun und lassen was ich will, und wenn ich mich morgen entscheide noch etwas anderes zu studieren, dann muss ich mir nur überlegen, wie ich die Raten für meine Wohnung bezahle. Ich rechne nicht damit, dass einer meiner Freunde oder Familie plötzlich ohne Vorwarnung aus meinem Leben verschwindet. Das absurde ist doch, dass diese Dinge in direktem – der Jurist würde sagen kausalem – Zusammenhang stehen. Der Mut und die Entschlossenheit meiner Eltern und vieler anderer, die Angst der Soldaten an diesem Abend, die dazu geführt hat, dass kein Schuss fiel und die Backofenselbstreinigung in meiner schicken neuen Küche. Noch viel absurder ist, dass ich das manchmal vergesse.

Was mich maßlos aufregt, ist dass die Neo-Faschisten unserer Tage den Montag als Ihren Demonstrationstag auserkoren und sich den Ruf „Wir sind das Volk“ zu eigen gemacht haben. Ich kriege solche Wutanfälle, wenn ich nur daran denke, dass es kaum auszuhalten ist. Das ist in meinen Augen ein solcher Frevel, wie die Zerstörung christlicher Kunst in der Hagia Sofia. Es ist die Zerstörung einer Erinnerung an den Kampf für die Freiheit. Natürlich sind auch diese Menschen das Volk, das sind nun mal alle. Aber Ihre Anliegen mit denen von 1989 – der Befreiung von einem totalitären Regime – gleichzusetzen, dafür habe ich kein Verständnis, auch wenn ich weiß, dass viele sich einfach Veränderung in ihren harten Leben wünschen. Vielleicht ist es doch Zeit, wieder politische Bildung in den Schulen zu unterrichten, auch wenn sich die Demonstranten von damals gewünscht haben, dass ihre Kinder dieses Fach nicht belegen müssten. Vor den aktuellen Entwicklungen in Deutschland, in Europa und in der Welt, fühle ich mich machtlos, ich weiß nicht: Was kann man dagegen tun? Auf die Straße gehen? Gegen einen Teil des Volkes? Wie besiegt man nicht einen Staat, sondern ein nicht festzuhaltendes waberndes Gebilde aus verschiedenen Personen? Die Mauern errichten und Flüchtlinge an der Grenze erschießen wollen? Wie kämpft man gegen diejenigen, die die ganze schöne gewonnene Freiheit gefährden und teilweise sogar explizit abschaffen wollen?

Darüber denke ich heute nach, am Tag der Einheit, 31 Jahre nach dem Mauerfall. Ich wünsche mir, dass wir trotz aller Widrigkeiten weiter in Einheit zusammenrücken. Einigkeit und Recht und Freiheit. Und dass wir alle den Mut haben aufzustehen, wenn uns jemand diese Freiheit nehmen will.

PS. Wer noch mehr über den 9. Oktober 1989 lesen möchte, der findet hier einen sehr gelungenen Artikel.

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