Unterwegs mit der Hühnchenreisetasche

Java, Indonesien
Nach vier Tagen, die sich angefühlt haben wie vier Jahre, haben wir endlich eine Lösung für unser Problem gefunden und sitzen in einem Executif-Zug nach Semarang. Hauptsache weg aus Jakarta war die Devise! Von Semarang aus hoffen wir per Boot auf die Karimunjawa Inseln zu gelangen – einsame Traumstrände und nur drei Stunden am Tag Strom, das hört sich paradiesisch an! Zwischenzeitlich sind wir im öffentlichen-Verkehrsmittel-Paradies: Der Zug ist mit breiten, bequemen Sitzen ausgestattet, es gibt eine funktionierende Klimanalage, Steckdosen, Müllbeutel am Platz, plauschige Kopfkissen und eine Putzkolonne, die unentwegt putzt. Chice Damen in blauen Stewardess-Kostümen servieren im Preis inbegriffenes Essen in umweltfreundlichen Verpackungen und in einem Fernseher läuft Werbung mit einem lachenden Zug a la Lukas die Lokomotive. Auch die Bahngleise sind sauber und nicht wie überall sonst in Asien vollgemüllt, dank Fenstern, die sich nicht öffnen lassen (aus denen man also keinen Müll werfen kann). Herrlich! Zugegeben, Executif ist auch nicht Holzklasse und der Zug ist etwas in die Jahre gekommen, aber dennoch ist das eine der komfortabelsten Zugreisen, die ich je unternommen habe. Der Tag fing schon gut an – ein übereifriger Polizist hat uns geholfen im Bahnhof unsere Tickets auszudrucken. Hier nimmt man das Motto “Die Polizei dein Freund und Helfer” anscheinend noch ernst.
Gutgelaunt sitze ich daher am Fenster und sehe Reisfelder, Slums, Fischfarmen und Feldarbeiterinnen mit bunten, spitzen Hüten an mir vorbeiziehen.
In Semarang findet der Traum neun Stunden später ein jähes Ende. Wir haben ein gerade so erträgliches Zimmer in einem furchtbaren Hotel im Rotlichtviertel dieser furchtbaren Stadt gebucht. Es gibt hier in diesem Gebäude was wohl früher mal eine Schule war kein Wifi, dafür überwältigenden Toilettengestank im Flur, Millionen Mücken und jede Menge Freiwillige, die einen grimmig anstarren, als wär man ein Außerirdischer. Da wir dringend Infos brauchen, wie man nach Karimunjawa kommt, gehen wir zurück in die Bahnhofshalle, in der es angeblich Wifi gibt. Das stimmt auch, aber es ist unfassbar langsam da unglaublich viele Leute (die sich alle überraschenderweise um diese Uhrzeit (23 Uhr) am Bahnhof aufhalten) gleichzeitig surfen wollen und man wird alle zwei Minuten aus dem Netz raus geworfen. Wir fragen also rum, aber keiner weiß wie man nach Karimunjawa gelangt, angeblich gibt es Flüge aber jedenfalls kein Boot direkt von Semarang, nur von Jeporo, vier Stunden mit dem Bus entfernt. Der Bus fährt aber zu einer Uhrzeit ab, dass man das Boot nicht mehr schafft. Bei der Fluggesellschaft ist niemand mehr am Telefon (es ist nach 23 Uhr) und so gehen wir frustriert ins Bett und stellen uns einen Wecker auf sechs Uhr – angeblich geht der Flieger um sieben Uhr Morgens. Am nächsten Morgen erfahren wir am Telefon, dass auch das nicht stimmt- der Flieger geht jeden Freitag morgen um sechs Uhr und es ist Samstag. Boote fahren nicht, da der Wellengang zu hoch ist. Wir könnten nach Jeporo fahren und es von dort versuchen, aber keiner weiß wann die nächsten Boote fahren und wir wollen nicht noch mehr Zeit verlieren und möglicherweise tagelang in Jeporo festhängen, also setzen wir uns in den nächstbesten Bus nach Borobudur.
Kaum haben wir Platz genommen stellen wir fest, dass es im Bus stinkt. Wir haben einen local bus genommen, also einen Bus wie ihn die Einheimischen benutzen: Superbillig, super runtergekommen, die Verkleidung des Busses fällt fast auseinander. Leider bedeutet das, dass der Bus ständig anhält um Leute ein und aussteigen zu lassen. Und es bedeutet auch, dass es möglicherweise stinkt. Wie in diesem Bus. Naserümpfend schauen wir uns auf unserer Rückbank um. Unsere Nebensitzerin nickt uns aufmunternd zu, fasst sich an die Nase wie um zu verdeutlichen dass es stinkt, zeigt unter einen Sitz und sagt “Ayam” – “Hühnchen”. Als unser Blick der zeigenden Hand folgt, sehen wir, dass unter einer der Bänke eine große Korbtasche in der Form einer alten Arzttasche (unten dick, oben schmal) steht, in der sich mehrere lebende Hühner befinden, die just in diesem Moment einen Ausbruchsversuch unternehmen. Aber keine Sorge, die Hühnchen könnnen nicht fliehen und sie haben auch mehr Platz in der Tasche als in westlicher Käfiighaltung, also warum soll man seine Hühner auch nicht im Bus mitnehmen? Es ist hier sowieso nur ein Minimum an Komfort vorhanden, aber immerhin haben wir auf der etwa 20 cm breiten Rückband einen Sitzplatz ergattert und so Platz für unsere Beine. Meine Haare wehen im Abgaswind (Fahrtwind + Abgase), der durch die offene Tür reinzieht – na wenn das keine Kur für meine geplagten Bronchien ist! – und bei jedem Schlagloch wird das Innere des Bussen einmal von oben nach unten und wieder zurück gekehrt. Ich drehe Uptown Funk in meinen Kopfhörern auf und stelle mir vor der ganze Bus wippten im Takt mit den Armen – das bessert meine Laune ungemein. Und schon eine Stunde später, als der Bus in einem scheinbar unendlichen Stau steht, wünsche ich mir sehnlichst den Abgaswind herbei, während sich die Temperatur im Bus stetig erhöht…

 

Am nächsten Morgen in Borobudur ertönt der Gebetsruf des Muezzins schon um 4:30 Uhr lautstark im ganzen Dorf und hält bis sechs Uhr an. Der Islam hält die Region hier fest in seinen Händen, aber früher war das mal anders: In Borobudur steht der größte buddhistische Tempel der Welt. Das Schöne am Buddhismus ist aus unserer Sicht heute morgen vor allem eines: Buddhisten sind ganz, ganz leise, vor allem morgens. 😉
Der Eintritt kostet umgerechnet 15 Euro, 25 Euro hätte er für den Sonnenaufgang gekostet. Das gilt natürlich nur für ausländische Touristen. Ist aber auch logisch, den der Tempel ist Unesco Weltkulturerbe und im Gegenteil dazu was viele Menschen glauben geht eine solche Auszeichnung auch mit einer Menge Pflichten einher. Unter anderem muss jährlich ein bestimmter meist sehr hoher Geldbetrag eingenommen werden, eine Verpflichtung, die für viele Kulturstätten eine kaum zu meisternde Aufgabe darstellt.
Um 6:20 Uhr spielen wir im Tempel ein Spiel: Wer kann ein Foto vom Tempel machen, ohne dass ein Mensch darauf zu sehen ist? Der Tempel ist bereits jetzt komplett überlaufen, aber trotzdem schön. Auf seinen vier Ebenen wird in Steinfrescen die Geschichte Siddharta Gautamas – also Buddhas – dargestellt. Besonders oft wird die Geschichte portätiert, in der Siddhartas Vater ihn mit Hilfe von Alkohol und Damen zu bleiben zu bewegen versucht. (Buddha war nämlich ursprünglich ein indischer Prinz. Wer sich für die Geschichte interessiert lese Hermann Hesses “Siddharta”, ein wundervolles Buch!). Daneben sind die drei buddhistischen Weisheiten (Life is suffering. Suffering comes from desire. Stop desire and suffering will stop.) und die Regeln des achtfachen Pfades (das müsst ihr Googlen, das sprengt hier den Rahmen) dargestellt. Tausend Jahre war der Tempel in Vergessenheit geraten und wurde durch Vulkanausbrüche und Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen. Als er vor etwas über 100 Jahren wieder entdeckt wurde, wurde er daher teilweise neu zusammengesetzt. Die Steinen passen daher nicht überall zusammen, viel kann man von der Geschichte aber ohnehin nicht erkennen. Das tut der Schönheit des Tempels aber keinen Schaden. Der Atmosphäre schaden eher die vielen Touristen. Um 7:20 Uhr besteht der Tempel jetzt an seiner Spitze mehr aus Menschen als aus Steinen. Vielfach ertönt irgendwo eine Trillerpfeife, wir wollen gar nicht wissen wie es hier nachmittags ist (später haben wir allerdings Franzosen getroffen, die erzählt haben nachmittags sei es hier menschenleer)! Während ich auf Timo warte, der sich nochmal ins Getümmel stürzt um ein bestimmtes Foto zu schießen, steh ich mehrfach Fotomodell mit Gruppen von bekopftuchten Schulmädchen. Und dann nix wie raus da, bevor sich alle entschließen mit uns ein Foto zu wollen.
Da wir noch viel Zeit bis haben bis unser nächster Bus fährt, mieten wir uns ein Moed und fahren zu Candi Selogriyo, einem anderen, viel kleineren und hinduistischem Tempel. Die 35 Kilometer dauern länger als geplant und wir verfahren uns auch trotz Navi und handgezeichneter Karte des Öfteren, werden aber zwei Mal von supernetten Javanern mit dem Moped mehrere Kilometer zur richtigen Abzweigung gebracht. So fahren wir vorbei an grünen Reisfeldern und Pferdekutschen und durch eine Dorfhochzeit durch (das Veranstaltungsgelände verlief an beiden Seiten der Straße entlang). Am Straßenrand sieht man Leute, die Ballen von Gräsern oder langen Blättern oder anderem Zeugs auf dem Kopf transportieren, ansonsten wird auch alles gerne mit dem Moped transportiert. Unter anderem werden wir von einem Mann überholt, der sich ein Huhn unter den Arm geklemmt hat. Die Leute reisen hier anscheinend gern mit ihrem Hühnchen (mobiles Mittagessen?).
Die vielen Leute mit spitzen Hüte winken uns zu und rufen “Hallo”, es ist eine durchweg erfrischende Fahrt und wir haben das Gefühl den touristischen Bereich komplett verlassen zu haben. Am Eingang des Tempelgeländes stellen wir fest, dass unsere Zeit wohl nicht reicht, um zum Tempel hoch zu laufen. Also entschließen wir kurzerhand mit dem Moped hoch zu fahren. Machen ja schließlich die vielen indonesischen Teenager-Pärchen (es ist Sonntagnachmittag) auch so und der Weg sah in Ordnung aus. Schon hinter der ersten Kurve zweifeln wir an unserer Entscheidung: Der steile Weg ist oft keinen Meter breit, steinig und sandig, ich sterbe tausend Tode auf dem “Rücksitz” und steige mehrfach ab, weil mir der Weg zu krass ist. Dafür ist die Aussicht überwältigend – ein ganzes Tal voller saftiger Reisfelder gesäumt von Bergen und Palmen.

 

Der Tempel selbst ist nicht sehenswert, aber die Fahrt war einfach super. Zurück am Hostel müssen wir uns leider beeilen und haben so kaum Zeit die traditionelle Parade zu verfolgen, die gerade stattfindet und bei der die umliegenden Dörfer sich stolz präsentieren. Aber die Aufnahmekapazitäten waren für diesen Tag sowieso erschöpft und so geht es ab in den Bus nach Yogjakarta.
Unterkunft Borobudur: Lotus 2
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