Kuba – Hasta el mojito siempre

Havanna, mein Reisetraum seit Jahrzehnten, endlich wird er wahr! Ich kann es kaum glauben, dass ich endlich da bin, als ich in die saunaheiße Luft aus dem Flugzeug steige. Kuba, endlich! Endlich, endlich, endlich! Was mich all die Jahre an Kuba so fasziniert hat, ohne dass ich viel von Land oder Leuten wusste, außer dass Kuba das Land von Che und Fidel ist und dort noch Ami-Schlitten aus den Fünfzigern fahren? Ich weiß es nicht. Aber ich werde es bald wissen.

Dieses „bald“ rückt allerdings in unbestimmte Ferne, als ich mit einer Reihe endgenervten, chronisch nörgelnden Mitreisenden erst stundenlang vorm Einreiseschalter und dann am Gepäckband warten muss. Es tut sich – nichts. Alle Viertelstunde spuckt das Loch in der Wand ein, zwei Koffer aus. Das geht so langsam, dass ich mir das nur so erklären kann, dass ein einzelner Angestellter die Koffer einzeln aus dem Flugzeugbauch per Hand zum Flughafengebäude trägt und alle zwei Koffer (verständlicherweise) eine größere Pause macht. Bald kommen die Koffer auf unserem Band aus Cancun, Mexico, unsere Koffer werden nun auf einem anderen Band geliefert. Na, super. Fühlt sich an wie in eine Comedy-Serie: „Instructions how to irritate German tourists“. Noch eine dritte Schlange – die Zollschlange – gilt es zu bewältigen, dann bin ich endlich eingereist. Ein Taxifahrer winkt mit einem Zettel, von dem ich beschließe, dass das was da steht meinem Namen genug ähnelt, dass er mich zum Hostel fahren darf. Er ist überglücklich, mich zu sehen, und seufzt erleichtert aber fröhlich etwas, dass ich als „na, endlich“ interpretiere. Ich sage „Halleluja“ und wir verstehen uns gleich. Manche Wörter sind eben universell einsetzbar.

Dann mein erster Schock – mein Taxi ist keine alte Limousine, sondern ein gelber, höchstens ein paar Jährchen alter Honda. Was haben die Japaner denn hier verloren? Auf dem Parkplatz stehen allerdings auch ein paar schöne Oldtimer. Das beruhigt mich etwas, denn wenn schon auf den ersten Metern alles, was ich über Kuba zu wissen glaubte, sich als falsch erwiesen hätte, wäre ich doch etwas nervös geworden. Bei leichtem Nieselregen und Adeles „Rolling in the deep“ aus dem Radio werde ich in die Stadt kutschiert, zunächst vorbei an sehr ländlich aussehenden grünen Feldern, Vieh und bunkerähnlichen flachen Häusern. Was sofort auffällt – es gibt keine Werbung. Hier und da ein paar Propagandaplakate – ein Bild von Che, die kubanische Flagge oder „Revolución“ – sind alles. Und während ich mich noch wundere, dass hier Adele im Radio läuft, beginnen die Häuser um uns herum höher und weniger barackenartig zu werden. Bald sind wir am „Plaza de la Revolución“, wie mir der Taxifahrer großväterlich erklärt. Dort steht ein riesiges Denkmal des kubanischen Nationalhelden José Martí, farbenfroh und formvollendet – aus Beton. Man merkt hier gleich, die Revolution ist keine lustige Angelegenheit. Ich beschließe sofort, dass ich diesen „fröhlichen“ Platz hiermit ausreichend besucht habe. Und just in dem Moment, in dem ich darüber nachdenke, dass der Taxifahrer alt genug ist, um ein Kind der Revolution zu sein und bestimmt ein stolzer Sozialist ist, zeigt er auf eine Gruppe wartender Kubaner am Straßenrand, erklärt es gäbe zu wenige Busse und schnalzt missbilligend mit der Zunge. Ich kann dazu nur nicken, mein Spanisch ist zu eingerostet, um etwas zu erwidern, und ich habe keine Ahnung wie viele Busse es hier gibt.

Während wir uns weiter in die Stadt vorarbeiten, fällt mir auf, dass hier mitten in der Stadt richtige Häuserruinen stehen, in der Mitte ein von Pflanzen und Bäumen überwachsener Berg aus Gerümpel, nur die alten, spanischen Säulen stehen noch. Nicht wenige Häuser sind eingerüstet. Bald darauf setzt der Taxifahrer mich vor meinem Hostel in La Habana Vieja ab, der Altstadt der kubanischen Hauptstadt, inmitten alter, halbverfallener Villen. Von der Dachterrasse des Hostels hat man einen guten Blick rundum. Gegenüber auf dem Balkon sitzen zwei alte Männer und eine Frau, sie winken mir fröhlich lächelnd zu. Ihr Haus ist frisch gestrichen und restauriert, aber der Blick von der Terrasse nach hinten raus fällt auf eine dieser Ruinen. Schade um die schönen Gebäude. Aber könnten sich die armen Leute noch das Wohnen hier leisten, wenn die komplette Altstadt restauriert wäre? Bei meinem ersten Spaziergang um die Stadt wird mir erklärt, dass in einer Nebenstraße morgens einer der alten, baufälligen Balkone, von denen hier fast jedes Fenster einen hat, auf die Straße gestürzt ist. Leider stand der Besitzer des Balkons in dem Moment darauf. Der abgestürzte Balkon ist das Thema des Tages, denn obwohl das hier vor allem in der Regenzeit des Öfteren passiert – der wissende Kubaner läuft daher in der Mitte der Straße – so gibt das viele Blut auf der Straße doch Anlass zu der Vermutung, dass der Bewohner an diesem Tag nicht nur einen Balkon verloren hat. Ich schlendere mit meiner Cousine, die sich hier auskennt, dennoch unbeirrt und fast völlig unbeschwert durch die Stadt, die ich schon so lange besuchen wollte, und sehe mich um. La Habana Vieja, das sind bunte, prachtvolle Kolonialhäuser, manche restauriert, manche nur noch Ruinen. Der Zustand der meisten befindet sich irgendwo dazwischen, viele Gebäude sind einfach sehr heruntergekommen. Die Straße ist voller Löcher und gespickt mit Öl- und Benzinflecken, da die alten Autos, notdürftig repariert ohne die passenden Ersatzteile, nicht selten lecken. Vor fast jedem Fenster findet sich einer der maroden Balkone, auf denen bunte Wäsche hängt. Die Hitze drückt in den alten, schmalen Straßen, die voller Menschen sind, und häufig muss man einem Taxi oder Bici-Taxi (die hiesige Bezeichnung für Fahrrad-Rikschas) ausweichen. Händler ziehen Metallwagen, die aussehen wie aus dem vorletzten Jahrhundert, durch die Straßen und rufen ihre spärliche Ware aus. Nicht selten liegen nur ein Sack unbekannten Inhalts oder einige wenige, schrumpelige Knollenfrüchte auf dem Wagen oder Handwagen. Die Hausbewohner sitzen oder stehen am Straßenrand oder in Hauseingängen, die Türen und Fenster stehen auch im Erdgeschoss weit offen in der aussichtslosen Hoffnung, ein kühles Lüftchen zu erhaschen. Aus vielen Ecken strömen Salsa Musik oder Reggaeton Töne, aber auch modernere Musik. Von allen Seiten pfeift es und macht Kussgeräusche, ständig werden wir angesprochen „Te quiero“, „Te amo“. Die Kubaner lieben blonde Frauen (und Frauen im Allgemeinen). Von „You are so beautiful“ bis „fuckifucki for free“ wird einem alles zugerufen, manch einer macht auch einen spontanen Heiratsantrag. Häufig rufen die Taxifahrer „Taxi? Cohiba? Boyfriend?“ Einmal ruft einer sogar: „Hey lady, I have been waiting for you all day!“, was ich in Anbetracht der Tatsache, dass er auf einen Fahrgast wartet, sehr komisch finde. An einer Baustelle pfeift, ruft und knutscht das ganze Gebäude nach uns, als wir an bunten, halbverfallenen Villen und alten Oldtimern, mal restauriert und mal mit Rostlöchern, vorbeischlendern. Manche Männer reißen die Augen so sehr auf, dass man sich fühlt wie ein rosafarbenes Einhorn. Aber ich fühle mich nicht bedrängt, wir lächeln freundlich und rufen „Holá“ in alle Richtungen. Ich empfinde die kubanischen Männer eher als eine Intensivkur fürs weibliche Ego. Kleidungstechnisch muss man sich hier auch keine Sorgen darüber machen, dass man trotz Hitze irgendwas zwingend bedecken müsste – die kubanischen Frauen sind mehr als nur leicht bekleidet, sie scheinen einen Wettstreit auszutragen, wer am wenigsten Stoff am Körper tragen kann. Die Stimmung ist insgesamt fröhlich-freundlich, geradezu ausgelassen, die meisten Menschen lächeln, die Kubaner begrüßen sich überschwänglich mit Küsschen auf einer Seite. Bunt, Salsa, Havanna!

 

Zur Feier meiner Ankunft gehen wir in ein bei Ausländern und reicheren Kubanern beliebtes Restaurant. Es gibt mexikanisch angehauchtes Essen und starke Magaritas aus Einweckgläsern in perfekt designter Umgebung zu Elektromusik. Alles ist so chic und hip, dass dies auch eine Bar am Brüsseler Platz in Köln sein könnte. So habe ich mir Kuba definitiv nicht vorgestellt!

Kuba ist ein sozialistisches Land, seit die Brüder Fidel und Raúl Castro zusammen mit Che Guevara und der Bewegung des 26. Juli das damalige korrupte Regime um Fulgencio Batista gestürzt haben. Diese in einem Guerillakrieg hart erkämpfte Revolution, die immer wieder auch (zum Beispiel in der Schweinebucht) gegen die USA verteidigt wurde, hat das Land komplett verändert, und spätestens seit dem Zerfall des großen russischen Bruders geht es Kuba wirtschaftlich nicht mehr allzu gut. Die prachtvollen Häuser Havannas waren eine Folge des Reichtums der Anfang letzten Jahrhunderts aus der Zuckerernte resultierte. Nur bringt Zucker heute längst nicht mehr so viel Geld ein wie damals. Auf das Ende der UdSSR folgte die sogenannte Spezialperiode, in der es von Medikamenten über Lebensmittel an allem zu mangeln schien. Als Raúl Castro als Folge einer schweren Krankheit Fidels dann vor fast zehn Jahren die Macht übernahm, blieb ihm nicht viel übrig, als sich was Neues einfallen zu lassen. Bis dahin war Kuba bis auf wenige Ausnahmen vom Rest der Welt komplett abgeschottet. Aber Raúl wusste, dass es so nicht weitergehen konnte und begann, das Land langsam zu öffnen. Und so kam der Tourismus ins Land – kontrolliert von der Agentur „Gaviota“, Teil des kubanischen Militärs. Fast wichtiger aber, es wurde nun möglich, dass einzelne Kubaner kleine Geschäfte und Unternehmen eröffneten, wie zum Beispiel als selbstständiger Taxifahrer zu arbeiten. Und das hat das Land nachhaltig verändert.

Am nächsten Morgen müssen wir erstmal ins Internet. Anders als im Rest der Welt heißt das in Kuba immer noch, dass man tatsächlich wohin gehen muss – nämlich zunächst zur staatlichen Agentur ETECSA, die einem die Internetkarten verkauft. Vor der Agentur sieht man eine nicht abreißende Schlange aus Menschen, stetig vorrückend. Wer keine Lust hat, stundenlang für den Internetgenuss anzustehen, der kann sich auch ein teureres Kärtchen auf dem Schwarzmarkt besorgen. Eine Stunde kostet normalerweise einen CUC, also etwa einen Euro, beim Schwarzhändler drei, und man kann mit einer Anmeldekarte nicht gleichzeitig mit mehreren Geräten ins Internet. Als nächstes muss man sich ein Fleckchen suchen, wo es Wi-Fi gibt. Zum Spaß mache ich mein Wi-Fi an – ich befinde mich mitten in einer Stadt von über zwei Millionen Einwohnern und mein Handy empfängt kein einziges W-Lan. Auf meiner heimigen Dachterasse empfange ich über zwanzig. Das liegt daran, dass ein eigener Internetanschluss extrem teuer ist – er kostet etwa 100 CUC (konvertibler Peso) im Monat, also etwa 100 Euro. Der Durchschnittskubaner verdient aber nur 25 CUC. Dafür gibt es öffentliches Wi-Fi in teuren Hotels und an öffentlichen Plätzen. Man erkennt, dass es Wi-Fi gibt, immer daran, dass an einem beliebigen Ort haufenweise Leute in ihr Handy starren – ein Bild, das man sonst in Kuba (noch) nicht sieht. Hat man dann einen solchen Ort gefunden, versucht man sich ins Netz einzuloggen und muss sich dann dort mithilfe der bei ETECSA erworbenen Anmeldedaten – zwei 12-stellige Nummern – anmelden. Das mag zwar unpraktisch sein, dass man erst zum Internet laufen muss, aber eigentlich finde ich das ganz nett. Denn dort trifft man dann seine Freunde, die auch ins Internet wollen. Das Internet verbindet eben – in Kuba auch analog. Nachdem wir unsere Erledigungen – wie der Familie sagen, dass man angekommen ist – im virtuellen Netz getätigt haben, schlendern wir vorbei an den alten restaurierten Plätzen von La Habana Vieja und entlang des Malécon, dem Balkon der Stadt, der asphaltierten Wasserfront Havannas mit Blick auf die Castillo des los Tres Reyes del Morro, ein beeindruckendes Fort am gegenüberliegenden Ufer, und wieder zurück in die Gassen der Altstadt. Und dann geht’s zu meiner ersten Salsa-Stunde. Meine Cousine kennt hier schon jeden und die Begrüßung ist eine einzige, riesige Umarmungs- und Küsschenorgie. Mein Tanzlehrer Kevin spricht etwas Deutsch und sagt zur Demonstration seiner Sprachkünste „Ich liebe dich. Auch.“ Ich lache, einen lustigen Tanzlehrer kann ich auf jeden Fall gebrauchen und damit fiel die Wahl auf ihn. Es kann ja auch nicht schaden, mit einem zu tanzen, der mich liebt, denke ich mir. Mein Tanzlehrer nennt mich „Baby“ und besteht darauf, dass er der Boss ist, aber seine Zurechtweisungen meiner „Tanzkünste“ klingen in meinen Ohren eher wie Lebensweisheiten:

„You have to respect the pause.“

„You need to give the man time to think what to do next.“

„Don’t rush, pace yourself.“

„Relax.“

Salsa ist die Basis der Entspannung der Kubaner, Salsa ist Lebensfreude und Sex und Liebe. Salsa ist Kuba und Kuba ist Salsa. Erschöpft und glücklich sitze ich abends mit Sophia und ihren Freunden auf der Hostel-Terrasse und beobachte, wie ein Kubaner seiner holländischen Freundin einen Heiratsantrag macht, ganz klassisch mit Kniefall und so. Vor ein paar Wochen hätte mich das vielleicht traurig gemacht, aber an diesem Abend freue ich mich für die beiden, die ganz aus dem Häuschen sind. Der baldige Bräutigam hat allerdings auch Geburtstag und wird daher traditionell kubanisch mit Wasserpistolen voller Seifenlauge von seinen Freunden über die Terrasse gejagt. Da er seine neuen Klamotten und Schuhe sehr liebt, alles in Kuba schwer zu bekommen, legt er dabei rennend einen spektakulären Striptease bis auf die Unterhose hin, den wir alle mit viel Gelächter verfolgen. Und die vielen Ereignisse des Tages wollen gebührlich gefeiert werden und daher gehen wir später noch in einen Club namens Asturias tanzen. Dort wird eine wilde Mischung aus HipHop und Salsa gespielt, an die ich mich durchaus gewöhnen könnte, und der eine oder andere Tanzpartner raunt einem „Te mucho gusto“ ins Ohr, während ich meine neue erworbenen Salsakünste anzuwenden versuche.

Am nächsten Morgen darf ich endlich auch mal mit so einem alten Oldtimer fahren. Ein „Convertido“ funktioniert wie ein Bus – es steigen ständig Leute zu und wieder aus. Wir fahren nach Miramar um in einem besonderen Laden Souvenirs zu kaufen. Auf dem Weg zeigt Sophia hier und da auf Sehenswürdigkeiten oder andere wichtige Orte. Sie sagt Sachen wie: „Das dort, das ist die Schlange für’s Eis… da gibt’s Eis für 5 Cent die Kugel“, „Dort gibt’s manchmal Tampons“ und „Das ist der Laden, in dem es bisher immer Käse gab, aber irgendwie hat er seit zwei Wochen keinen mehr“. Überhaupt scheint es für alles eine Schlange zu geben, überall muss man anstehen und dann sind die Regale doch nur leer. Nur Rum und Mojito, die gibt es immer. Man muss hier kaufen was es gibt, es gibt nicht unbedingt, was man kaufen will. Besonders Hygieneprodukte und Süßigkeiten sind rar und so wurde ich im Vorhinein gebeten, Haarspray und Kinderschokolade in rauen Mengen mitzubringen.  Der Mangel an allem seit langer Zeit hat zu einer erstaunlichen Kreativität der Kubaner geführt. Im Laden in Mirarmar angekommen zeigt sich der Erfindungsreichtum der Kubaner von seiner neuen, hippen Seite. Es gibt Ketten aus Reißverschlüssen, halben Löffeln und Fahrradglühbirnen und allerhand „Vintage“ Kram – in der Tschechoslowakei hergestellte Kristallgläser und etliches, das auf jedem diy Blog stehen könnte, stylish hergerichtet von Kubanern. Nachmittags widme ich mich dann wieder dem Salsa-Studium, diesmal gibt’s zusätzlich eine Stunde „Lady Styling“ mit Galia, die mir vorführt, wie man als Frau kokettiert, und ich kichere wie ein Schulmädchen. Zu Hause werde ich kaum dazu kommen das anzuwenden. Während der Pause staune ich nicht schlecht – in diesem Tanzstudio hat gefühlt jeder ein iPhone oder iPad. Aber Tanzlehrer verdienen für kubanische Verhältnisse nicht schlecht. Ihr erinnert euch – der Durchschnittsverdienst liegt in Kuba derzeit bei 25 Euro. Tanzlehrer verdienen, wenn es gut läuft, auch mal über 1.000 im Monat. Und dann lassen sie sich alles, wonach Ihnen der Sinn steht, was sie aber in Kuba nicht bekommen können, von Freunden aus Panama oder Mexiko mitbringen.

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Eine wunderschöne Apotheke mitten in der Altstadt. Die vielen schönen weißen Behälter in den Regalen sind allerdings leer – zu kaufen gibt es nur, was im Plastikkasten vor der gelangweilten Verkäuferin ausliegt.

Tags darauf wollen wir zum Strand, aber es regnet in Strömen und es soll der einzige Tag während des Urlaubs werden, an dem ich das Internet so richtig vermisse – so ein verregneter Tag ist doch wie gemacht fürs Serien-Binge-Watching. Wir hüpfen stattdessen um Regenpfützen herum zu einem Café und beobachten das regnerische Treiben auf dem Plaza Vieja, dem schon restaurierten „alten Platz“. Es spielen sogar ein paar Jungs im Regen leidenschaftlich Fußball… sowas kommt zu Hause glaub ich kaum noch vor, das Internet hat uns doch allen einen großen Teil unserer Unbeschwertheit genommen. Abends gehen wir, trotz Regen und dem relativ weiten Weg von La Habana Vieja nach Miramar, in die Fábrica de Arte Cubano. Während wir auf den Einlass in die Fábrica warten, unterhalten wir uns in der Bar nebenan mit einem kubanischen Halbitaliener, der dort kellnert. Er erzählt sehr amüsant und sarkastisch aus seinem Leben – dass er mal 3.000 Euro für eine Rundreise durch Europa bezahlt hat – Rom, Florenz, Venedig, Mailand, Madrid und Paris. Paris hat ihm nicht gefallen, weil die Franzosen so arrogant seien (Haha!). Wir finden, dass Barcelona sowieso schöner ist und sagen „Vielleicht kannst du nochmal hin“ und er sagt nur „Haha“. Aber er lacht dabei wirklich, er wirkt nicht frustriert. Er studiert eigentlich Journalismus und jobbt nur nebenbei und verdiene gut erzählt er uns – er wirkt zufrieden. Die Ausstellung der Fábrica ist wirklich sensationell, topmodern, ausgefallen und das Konzept ist auch wirklich ungewöhnlich – Kunstmuseum, Bar und Veranstaltungsort in einem. Das Ambiente ist neu, frisch und irgendwie so, wie man sich in New York Berlin vorstellt. Die Regierung wollte die Fábrica schließen, aber die Einwohner haben sich dagegengestellt und so wird hier weiterhin höchst provozierende Kunst auf progressive Weise inszeniert. Nachdem wir derart unsere Seele genährt haben, geht es endlich zu meiner ersten richtigen Salsa-Party ins Hotel Florida. Eine Gruppe Tanzlehrer fällt mit ihren Schülerinnen ein und macht vor wie es geht. Sie wirbeln in unzähligen Drehungen herum, immer schwungvoll, aber „soave“ – weich – und im Takt. Schnell bin ich verunsichert. Sophia tanzt schon ganz gut, aber ich habe ja keine Ahnung. Dabei bin ich normalerweise die, die unter staunenden Blicken ein paar flotte Schritte hinlegt. Der Freund einer Freundin von Sophia tanzt endlich mit mir und danach fordern mich einige auf, auch obwohl ich gar nichts kann, und dafür bin ich sehr dankbar, wundere mich aber auch ein bisschen, weil ich ja doch ziemlich viele Fehler mache. Tanzen ist hier Männersache und gerade die Männer, die gut tanzen können, achten daher schon darauf, ob ihr Gegenüber auch was drauf hat. Manchmal tanzen sogar die Männer nur miteinander, dann nebeneinander, nicht gegenüber, und jeder, der behauptet, Tanzen sei feminin, würde bei diesem Anblick vom Gegenteil überzeugt. Erst Tage später fällt uns auf, dass mein Kleid leicht durchsichtig ist – das dürfte dann auch meine Beliebtheit trotz mangelnder Salsa-Kenntnisse erklären…

 

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Ein Hauseingang in Habana Vieja nachts.

Dann am nächsten Morgen geht die Reise erst so richtig los, denn wir fahren nach Cienfuegos. Die Busse sind brandneu, quasi noch in Folie eingepackt, und sehr bequem. Auch fährt der Bus überpünktlich ab – für kubanische Verhältnis wahrscheinlich viel zu früh. Auf dem Weg passieren wir neben den üblichen Oldtimern auch Pferdekutschen, umgebaute Lastwagen und neuere Autos. Die „Autobahn“ liest sich so wie die Geschichte des Automobils. Und so fahren wir, ein bisschen wie Zeitreisende, vorbei an grünen Feldern, Dörfern mit bunten flachen Häusern und kubanischer Propaganda a la „In Giron liegt die Kraft unseres Volkes“ quer durch Kuba.

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“Das Volk ist die Revolution”

Hier geht’s weiter: Está Cuba – Das ist Kuba

Und für die, die es eilig haben unter euch hier am Ende gibt’s ein paar Reisetipps

xo

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